Vor hundert Jahren wurde die Fruchtschale reformiert. Hohe Obstaufsätze, die die Aussicht auf die Gegenübersitzenden hemmen, sind zu vermeiden, heißt es in der Ratgeberliteratur - schließlich sei gerade das Kleingerät im Haushalt ein Maß für die innere Gediegenheit des Benutzers. Vor allem die Wohnzimmer-Pädagogik des 1907 gegründeten Deutschen Werkbunds versuchte, den Konsumenten durchs dürre Land der industriellen Massenproduktion zu führen: mit Brevieren und Katalogen, die organische Einrichtungsgegenstände auflisteten. Viele dieser Schriften sind in der Ausstellung Wie wohnen - von Lust und Qual der richtigen Wahl im Bremer Wagenfeld Haus zu sehen (bis zum 3. April). Als Objekte zeigt die Schau nur ein paar Kaffeekannen - langweilig ist sie dennoch nicht. Denn sie wagt eine muntere kleine Erzählung der Sozialdisziplinierung im 20. Jahrhundert. In der ersten Hälfte geht's vom Deutschen Warenbuch (1915) über das neusachliche Frankfurter Register bis zum monströsen Projekt einer 4000seitigen Deutschen Warenkunde (1939-1942), die arteigenes Salatbesteck und den Stuhl Schönheit der Arbeit empfiehlt. Die Warenkunde habe sich in unser kulturelles Gedächtnis eingeschrieben, behauptet die Schau - und tatsächlich, die Kännchen aus den Heimen der Hitlerjugend könnten auch heute in einer Jugendherberge stehen. Als Erben der Erziehungsfantasien erweisen sich die Zeitschrift Schöner Wohnen, der Manufactum-Katalog und natürlich Ikea: Dem Möbelhaus ist so sehr an der Geschmacksbildung gelegen, dass es sogar Schausonntage anbietet.