Auf den ersten Blick scheint der Gedenksonntag in Dresden nicht so schlimm verlaufen zu sein wie man hatte befürchten müssen. Schaut man jedoch genauer hin, so bleiben doch einige hässliche schwarze Flecken auf dem schönen Bild des Kerzenmeeres. Allein, dass Neonazis Luftballons herumzeigen konnten, auf denen stand, die Stunde der Rache (für Dresden) werde kommen, bleibt trotz der faktischen Absurdität ein moralischer Skandal. Und erst recht, dass Ruth Klüger, eine Überlebende des Vernichtungslagers Auschwitz, sich außerstande sehen musste, in Dresden zu sprechen – und zwar über Victor Klemperer, den jüdischen Romanisten, der aus Dresden nach Auschwitz deportiert worden wäre, hätten die Bomben nicht alles umgestoßen. Schlimmer bleibt für mich aber die Unklarheit in manchen Köpfen über das, was in Dresden und vor Dresden geschehen war.

Über all das kann ich vielleicht sachlich, aber nicht unpersönlich schreiben: Zwei meiner Großeltern und weitere Mitglieder meiner Familie sind in dem Dresdner Bombenhagel umgekommen. Ich kann mich ihrer nicht erinnern, weil ich damals zu jung auf der Welt war, um sie wahrnehmen zu können. Aber ich kann ihrer gedenken – im Bedauern mehr als im Trauern; denn trauern kann man nur um jemanden, den man gekannt hat, und um etwas, das man bewusst besessen hat.

Was waren meine Großeltern unter dem Schutt in der Dresdner Elisenstraße? Gewiss, sie waren zu Opfern eines Kriegsverbrechens geworden – sofern dieses Wort je eine Bedeutung und das Völkerrecht je Geltung hatte. Aber dann ist da der große Unterschied: Im insgesamt legitimen und verdammt notwendigen Abwehrkampf gegen den deutschen Vernichtungskrieg der Nazis ist es zu einzelnen (und dann nicht notwendigen) Kriegsverbrechen gekommen – aber der Angriffs-, Eroberungs- und Vernichtungskrieg der Deutschen unter Adolf Hitler war insgesamt und vom ersten Tag an nichts anderes gewesen als ein Verbrechen: Hier also am Ende wohl ein Verbrechen im Krieg – dort von allem Anfang an ein Krieg als Verbrechen!

Der deutschen Reichsführung und Wehrmacht stand von Anfang an weder ein jus ad bellum zur Seite (also keinerlei Recht zum Kriegführen), noch hat sich die deutsche Kriegsführung nach 1939 je um das jus in bello , um das im Krieg geltende Völkerrecht und um die Schonung ziviler Personen gekümmert. Deutsche, die allein den Bombenangriff auf Dresden beklagen, kommen mir – wenn ich das ungeachtet meines familiären Zurückdenkens so sarkastisch sagen darf – vor wie ein Mensch, der Vater und Mutter umgebracht hat und vor Gericht auf mildernde Umstände plädiert, weil er doch Vollwaise sei.

Und noch eines: Bevor man die Bombenangriffe auf deutsche Städte – angefangen bei Freiburg, über Hamburg, Köln, Magdeburg (das einen Monat vor Dresden noch stärker zerschlagen wurde) und andere deutsche Städte – als Terrortaten beklagt (und das zu Recht), muss noch etwas anderes gesagt werden: Jedes politische System, das einen solchen Krieg angefangen und dann in absehbarer Weise faktisch schon verloren hatte, hätte irgendwann kapituliert, um dem eigenen Volk das Schlimmste zu ersparen. Die alliierten Militärs und Politiker, die diese Bombenangriffe planten, glaubten, sie müssten zu diesem Terror greifen, um das Naziregime dadurch in die Knie zu zwingen, dass es erkennt, wie sehr das eigene Volk vernichtet wird, und sie hofften, dem Naziregime den letzten Rückhalt in der eigenen Bevölkerung entziehen zu können.

Über die Moralität dieser Angriffe denke jeder, wie er will – in England denken viele darüber kritischer als hierzulande wahrgenommen wird! Aber der eigentliche Irrtum lag doch darin, dass Hitler und seine ihm gegenüber feige Militärführung nicht einmal durch die schrecklichsten Schläge gegen die eigene Zivilbevölkerung zur Aufgabe zu bewegen waren. Das war das eigentlich Böse an diesem Regime: Dass es in seinem Vernichtungswillen nicht einmal vor dem eigenen Volk halt machte.

Wenn irgendwo in der Moderne, so gilt also hier der Satz aus dem Matthäus-Evangelium: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ Wer in Dresden die wieder aufgebaute Hofkirche besucht, findet in der Seitenkapelle rechter Hand vom Eingang zwei Daten angebracht – zur Linken steht der 30. Januar 1933, der Tag der „Machtergreifung“ Adolf Hitlers, zur Rechten der 13. Februar 1945, der Tag des Bombenhagels. Eines kam nach dem anderen, das eine kam von dem anderen.