Er war der bedeutendste Evolutionsbiologe des 20. Jahrhunderts. Viele sehen in ihm gar den wichtigsten Biologen unserer Zeit, reihen seinen Namen ein unter den ganz Großen: Darwin, Lamarck, Linnaeus oder Mendel. Ernst Mayr, 1904 im Allgäu geboren, war seit mehr als einem halben Jahrhundert Professor an der Harvard University. Mit mehr als 700 Veröffentlichungen und zwei Dutzend Büchern hat er das Denken und Forschen mehrerer Generationen von Biologen maßgeblich geprägt. Sein letztes deutsches Buch Das ist Biologie veröffentlichte er als 99-Jähriger. Noch vor einem halben Jahr erschien What makes biology unique . In der vergangenen Woche ist Ernst Mayr in der Nähe von Cambridge in den USA gestorben, im Alter von 100 Jahren.

Das riesige Werk verrät: Sein Leben war geprägt von beeindruckender Selbstdisziplin. Morgenmuffel können keine Vogelkundler (Ornithologen) werden. So begann der Tag für ihn meist mit oder schon vor Sonnenaufgang. Lesen und schreiben waren genauso fest eingeplant wie die Spaziergänge, um seine Vögel zu beobachten. Erstaunlich waren nicht nur die Klarheit seines Denkens, seine unersättliche Neugier, sein reger Geist und Ehrgeiz, sondern auch seine Vitalität. Als Mittachtziger kletterte er noch auf Bäume, um Vogelnester zu inspizieren.

Mit einer ornithologischen Arbeit hatte Mayr 1926 an der Humboldt-Universität in Berlin promoviert. Dort bekam er 75 Jahre später auch einen seiner etwa 20 Ehrendoktortitel verliehen. Dem jungen Mayr hatte kein Geringerer als Lord Rothschild in den Jahren 1928 bis 1930 Expeditionen nach Neuguinea und zu den Solomon-Inseln finanziert. Sein Doktorvater schrieb ihm nach Neuguinea: "Also mein liebes Schlaumayrchen, halten Sie die Ohren steif, vergessen Sie nicht, Chinin zu nehmen, das Pulver trocken zu halten und die Vögel zu lieben ..." Tatsächlich hat Mayr mehr neue Vogelarten beschrieben als irgendjemand anderes. Aber er hat wohl auch so viele verschiedene Arten von Paradiesvögeln gegessen wie kein anderer Europäer. 1931 ging er nach New York an das American Museum of Natural History. Dort bearbeitete er die 280.000 Bälge umfassende Vogelsammlung von Lord Rothschild. Eine außereheliche Affäre hatte den Lord in Finanznot gebracht, er musste seine Vogelsammlung dem Naturkundemuseum verkaufen.

Für jemanden, dessen Leben so sehr reglementiert war, kokettierte Mayr später auffällig oft damit, dass sein Leben von Zufällen bestimmt war. In der Tat hätte er ohne die Affäre des Lords nicht am American Museum diese einzigartige Sammlung erforschen können. 1953 wechselte er dann als Direktor des Museum of Comparative Zoology und Professor an die Harvard University.

Mayr brachte die Evolutionsbiologie dort voran, wo Darwin 1859 aufgehört hatte. Vieles, was heute als Allgemeinwissen über Evolution gilt, geht nicht auf Darwin, sondern auf Mayr zurück. Bereits in den dreißiger und vierziger Jahren wurde er zu einem der wichtigsten Architekten der "modernen evolutionären Synthese" der Evolutionsbiologie. Sie verband die Erkenntnisse der Arten- und Naturkunde, Populationsgenetik und Paläontologie zu einem Verständnis, wie sich Individuen an ihre Umwelt anpassen, wie natürliche Selektion funktioniert und neue Arten entstehen.

Mayrs erstes und vielleicht noch immer wichtigstes Buch Systematics and the origin of species erschien 1942. Es war geprägt von den Erfahrungen aus seinen Südsee-Expeditionen, seinen Arbeiten zur Systematik der Vögel und seiner profunden Literaturkenntnis. Er selbst hatte beobachtet, dass sich Populationen von Arten etwa in ihrer Färbung, Morphologie oder im Verhalten unterscheiden, je nach ihrer Umwelt. Insbesondere gilt dies auf Inseln, deren Individuen andere Merkmale hervorbringen als jene auf dem Festland. Aus solchen Naturbeobachtungen entwickelte er (zusammen mit Theodozius Dobzhansky) das "biologische Artenkonzept". Es definiert Arten als Fortpflanzungsgemeinschaften, deren Individuen sich nur miteinander paaren und so von anderen Arten getrennt sind. Diese Definition versagt zwar bei asexuellen Arten wie Bakterien, dennoch ist die Fortpflanzungsgemeinschaft noch immer das dominante Konzept, das alle Biologiestudenten seit mehr als einem halben Jahrhundert pauken.

Charles Darwin hatte zwar die Veränderbarkeit von Arten und (teilweise) deren Ursachen erkannt. Darwin hielt Arten allerdings für fiktiv. Für Mayr hingegen, wie auch für die allermeisten Evolutionsbiologen des vergangenen Jahrhunderts, sind Arten Realität und von eminenter biologischer Relevanz. Höhere hierarchische Einteilungen allerdings, wie etwa Gattungen, Familien und Ordnungen, sind allein von Menschen definiert. Für die Evolution sind sie bedeutungslos.