entführung "Beendet die Besatzung, verlasst den Irak"
Nach 13 Tagen Geiselhaft erschüttert ein dramatisches Lebenszeichen von Giuliana Sgrena Italien
Allein vor der Kamera in einem künstlich beleuchteten Raum, bekleidet mit einer schlichten graugrünen Kattunjacke, die Hände wie zum Gebet aneinandergelegt oder in Verzweiflung vor das Gesicht geschlagen. Ein etwa dreiminütiges Videoband ist das erste Lebenszeichen der italienischen Journalistin Giuliana Sgrena nach ihrer Entführung in Bagdad am 4. Februar. Es wurde am Mittwochmittag dem irakischen Büro der US-amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press zugespielt.
Die offenbar in der Geiselhaft abgemagerte, verstört und verängstigt wirkende 56-jährige Reporterin der römischen Tageszeitung Il Manifesto ruft darin unter Tränen zum Abzug der italienischen Truppen aus dem Irak auf. "Ich bin seit Ende Januar im Irak, um die Lage dieses Volkes zu bezeugen. Tausende von Menschen sind gefangen, Kinder und Alte. Die Frauen werden vergewaltigt, die Menschen sterben auf der Straße. Sie haben nichts zu essen, kein elektrisches Licht, kein Wasser. Ich bitte euch, beendet die Besatzung. Ich bitte die italienische Regierung und das italienische Volk. Dieses Volk darf nicht mehr leiden, deshalb verlasst den Irak. Niemand darf mehr in den Irak kommen. Alle Ausländer, alle Italiener werden hier als Feinde betrachtet. Niemand darf mehr kommen, auch keine Journalisten." Auf italienisch und französisch sagt Sgrena dann: "Helft mir, mein Leben hängt von euch ab."
Am linken oberen Bildrand des Videos erscheint in roten arabischen Schriftzeichen das Logo: "Mudschaheddin ohne Grenzen", nach Auskunft der Ermittler eine bislang nicht in Erscheinung getretene Gruppe. Auch in den angeblichen Bekennerschreiben, die verschiedene Gruppen islamistischer Ausrichtung nach der Entführung Giuliana Sgrenas über das Internet verbreitet hatten, tauchte dieser Name nicht auf.
Die Journalistin liest ihre Botschaft nicht ab, wendet sich aber mehrfach, wie in Erwartung an Anweisungen, mit Blickkontakt an andere Personen im Raum. Obwohl Giuliana Sgrena immer eine erklärte Gegnerin westlicher Truppen im Irak war, ist deutlich zu sehen, dass sie unter Druck ihrer Geiselnehmer einen vorgefertigten Appell spricht. Mehrfach bricht sie ab, bringt die Sätze nicht zu Ende, wiederholt dann fast wörtlich die Botschaft, die sie verbreiten muss.
Einmal verliert sie den Faden, das Video bricht an dieser Stelle ab. Eine Stimme ist zu hören, weder Sprache noch Geschlechtszugehörigkeit sind zu identifizieren. Als Sgrena sich gesammelt hat, redet sie weiter, wendet sich direkt an ihren Lebensgefährten Pier Scolari: "Du warst in all' meinen Kämpfen an meiner Seite. Ich bitte dich, hilf mir, den Abzug der Truppen zu fordern, zeige alle Fotos, die ich hier gemacht habe, auch die Bilder der durch Bomben verstümmelten Kinder."
Das Video der Geiselnehmer erreichte Italien während der Senatsdebatte um die Neufinanzierung der Truppenpräsenz im Irak - möglicherweise kein Zufall. Am Vorabend hatte Regierungschef Silvio Berlusconi an die Oppositionsparteien appelliert, von ihrer ursprünglichen Position abzusehen und dem Finanzierungsgesetz zuzustimmen. Nur die beiden kommunistischen Parteien fordern indes den sofortigen Abzug der rund 3.000 italienischen Soldaten. Die größte Oppositionspartei der Linksdemokraten blieb trotz einiger Abweichler in eigenen Reihen beim 'Nein' zur Neufinanzierung.
Außenminister Gianfranco Fini forderte: "Die Einmütigkeit, die bislang alle Italiener gezeigt haben, um die Befreiung Giuliana Sgrenas zu erreichen, darf nicht vom politischen Inhalt des Video-Appells ausgelöscht werden." Das Außenministerium werde seine Strategie nicht ändern. "Wir sind erleichtert über das Lebenszeichen, jedoch zugleich besorgt über die Dauer dieser Geiselhaft." Finis Stellvertreter im Parteivorsitz der rechtskonservativen "Nationalen Allianz", Ignazio La Russa, betonte: "Wir werden alles Menschenmögliche für Giuliana Sgrena tun, ohne Ansehen der unterschiedlichen politischen Überzeugungen." Ministerpräsident Berlusconi sagte am Mittwochabend gegenüber italienischen Fernsehreportern, er sehe Grund für Optimismus.
Die Angehörigen Giuliana Sgrenas zeigten sich erschüttert. "Wir sind sehr besorgt um Giuliana. Auf der anderen Seite sind wir froh, nach 13 Tagen endlich ein Lebenszeichen zu haben", sagte ihr Bruder Ivan. "Aber uns allen sind die Hände gebunden. Die Bedingung des Truppenabzugs ist nur sehr schwer zu erfüllen." Sgrenas Lebensgefährte Pier Scolari erklärte: "Wir wissen jetzt, dass Giuliana lebt. Aber ich sehe, dass sie in einem sehr schlechten Zustand ist. Von den Politikern erwarte ich ein Signal. Es ist klar, dass weder heute noch morgen die italienischen Soldaten aus dem Irak abgezogen werden können. Eine offizielle Absichtserklärung aber wäre ein richtiger Schritt."
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- Quelle (c) ZEIT.de, 16.02.2005
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