Er war ein stolzer Mann, seines Nachruhms gewiss. "Wir haben mehr als hunderttausend Li des gewaltigen Ozeans befahren und haben darin riesige Wellen bezwungen, die sich wie Berge himmelhoch erhoben, und haben unseren Blick auf barbarische Gegenden geworfen, in weiter Ferne, halb verborgen in blauen Nebelschleiern…" Der Seefahrer, der da zu uns spricht, von einer Steintafel herab, die er sich 1432 in seiner Heimat errichten ließ, heißt Zheng He. Doch trotz seiner Lebensbilanz, seiner maritimen Großtaten, die in China inzwischen wieder jedes Kind kennt, ist sein Ruhm noch kaum in den Westen gelangt.

Dabei hatte man in Europa früh schon die Kunde vom großen Admiral vernommen. Nachdem die Karavellen des Portugiesen Vasco da Gama 1498 das Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze Afrikas umsegelt und, sechs Jahre nach Kolumbus’ Amerika-Reise, den Seeweg nach Indien erschlossen hatten, trafen die Seefahrer in Ostafrika auf Menschen, die sich weder von den brisanten Mitbringseln, den Perlen, Glöckchen und Korallenketten, noch von den stolzen Schiffen der Portugiesen sonderlich beeindruckt zeigten. Dorfälteste berichteten den Europäern von weißen "Geistern", die sie vor langer Zeit besucht hätten, in Schiffen, neben denen sich die Karavellen da Gamas wie Nussschalen ausmachten.

Nun gäbe es viele Erklärungen für diesen Spuk, schließlich war der Indische Ozean als "afro-asiatisches Mittelmeer" seit der Antike ein Seehandelsraum. Persische und arabische Schiffe segelten im 10. Jahrhundert regelmäßig bis China, und zwischen dem 6. und 12. Jahrhundert hatten muslimische Händler ihre Handelsbeziehungen entlang der ostafrikanischen Küste bis nach Madagaskar hin ausgedehnt. Doch Schiffe, die drei- oder viermal so lang waren wie Karavellen?

Das können nur die Schiffe der Chinesen gewesen sein, die Flotte Zheng Hes. 1405, vor genau 600 Jahren, stieß sie das erste Mal in See; bis 1433 unternahm sie unter Leitung des Admirals sieben weite Reisen und stellte dabei alles in den Schatten, was Europa aufzubieten hatte. Zheng Hes Hauptreiserouten führten nach Südwesten über Siam bis nach Java, durch die Straße von Malakka über Ceylon bis ins südwestindische Handelszentrum Kalikut und nach Hormuz am Persischen Golf, Nebenrouten bis hinab nach Madagaskar und Timor. Und die Spekulationen darüber, ob zumindest Teile seiner Flotte Australien oder gar Amerika erreicht haben könnten, reißen nicht ab.

Technisch wäre das kein Problem gewesen. Die mehr als hunderttausend Li, von denen Zheng Hes Gedenktafel spricht, hätten für eine Weltumsegelung ausgereicht. Seine Armada umfasste bis zu 300 Schiffe und zählte an die 28.000 Mann Besatzung. Die größten Einheiten, gewaltige, neunmastige "Schatzschiffe", maßen in der Länge bis zu 120 und in der Breite bis zu 50 Metern. Das ist tatsächlich ein Vielfaches der Größe von Kolumbus’ Santa Maria mit ihren 27 Metern Länge.

Auch die Ausstattung zeigte neue Dimensionen: Es gab wasserdichte Schotten, Ausgleichsruder und Luxuskabinen mit Balkonen. Spezielle Tankschiffe für die Trinkwasserversorgung, Pferdetransporter, die auch ungezähmte Elefanten an Bord nehmen konnten, begleiteten die Expeditionen. Hinzu kamen Dolmetscher, Astronomen und Beamte für das diplomatische Protokoll, die für den reibungslosen Ablauf der Missionen sorgten.

Mit ihren Segeln aus roter Seide, den geschnitzten Tierköpfen und den aufgemalten "Augen" am Bug muss jedes dieser Schatzschiffe für sich schon einen atemberaubenden Anblick geboten haben. Und es reizt die Vorstellungskraft, sich auszumalen, wie ein von etlichen leichteren Schiffen begleiteter Verband aus Neunmastern auch nur eine kleinere Kurskorrektur ausführte. Große Flaggen, Signalglocken, Wimpel, Trommeln, Gongs und Laternen sorgten dabei für Kommunikation und Koordination. Größere Entfernungen wurden von Brieftauben überbrückt.