forschung Neues aus der Ranking-Schmiede

Wer meldet die meisten Patente an, wo wird erfolgreich geforscht und wohin fließen die meisten Drittmittel? Das neue Forschungsranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) bewertet die Leistung der Universitäten. Solche Ranglisten verändern den Wissenschaftsbetrieb

Wem gehört Albert Einstein? Darf die Freie Universität (FU) Berlin das Genie in ihre akademische Ahnenreihe stellen, oder beansprucht die Humboldt-Universität (HU) Einstein zu Recht für sich? Im vergangenen Jahr lieferten sich die Berliner Hochschulspitzen einen bizarren Streit darum, welche der beiden Universitäten sich mit Einstein und zwei Dutzend weiteren Nobelpreisträgern schmücken darf, die vor dem Zweiten Weltkrieg an der damaligen »Berliner Universität« geforscht und gelehrt hatten.

Die Kontroverse um das Erbe hatte einen aktuellen Hintergrund. Zum zweiten Mal kürte ein Ranking der Jiao-Tong-Universität aus Shanghai die »Top 500 World Universities«. Beim ersten Mal war die FU noch auf Platz 95 gelandet – nun fand sie sich plötzlich 100 Plätze weiter hinten. Dauergegner Humboldt dagegen stieg steil auf. Der Grund für die wundersame Verschiebung waren ebenjene Nobelpreisträger. Bei ihrer ersten Erhebung hatten die Shanghaier Ranglistenschreiber sie als einen Qualitätsindikator der FU zugesprochen. Ein Jahr später fanden sich die Ausnahmewissenschaftler in der Leistungsbilanz der Humboldt-Universität wieder – auf Intervention der HU in Shanghai.

Anzeige

Ob zwischen Berlin-Mitte und Dahlem oder München und Heidelberg: Die deutschen Universitäten sind im Wettbewerbsfieber. Vor wenigen Jahren noch hätte es keinen deutschen Universitätspräsidenten interessiert, was chinesische Hochschulforscher (»Jiao-wie-bitte-Universität?«) über die Qualität seiner Hochschule denken. Bereits der Versuch, lang verweste Nobelpreisträger als Gütesiegel heutiger Forschung heranzuziehen, hätte jeden Leistungsvergleich disqualifiziert. Heute ist im akademischen Konkurrenzkampf jede gute Nachricht recht. Und so jubelten Universitäten in Bayern und Baden-Württemberg über einen »Spitzenplatz im Shanghai-Ranking« – auch wenn die erste deutsche Universität, die TU München, erst auf Rang 45 auftaucht.

Mit immer größerem Aufwand wird die Arbeit der Professoren getestet

Das Gleichmaß hat als Ordnungsprinzip der deutschen Hochschullandschaft ausgedient, so wie schon seit langem in Frankreich oder England, wo Elite zum Alltag zählt. Offiziell darf sich zwar immer noch jeder deutsche Professor als Koryphäe seiner (Unter-)Disziplin fühlen und jede Universität als Stätte der Spitzenforschung. Nur daran glauben mag niemand mehr, weder in der Öffentlichkeit noch in der Politik, ja nicht einmal in den Hochschulen selbst. Das hat endgültig der geplante Elitewettbewerb der Bundesregierung gezeigt. Auch wenn das akademische Casting (»Brain up«) wegen des Föderalismusgezänks zwischen Bund und Ländern auf Eis liegt: Viele Universitäten haben ihre Bewerbungsschreiben, mit denen sie sich von der Konkurrenz abheben wollen, »bereits in den Schubladen«, weiß Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG).

Den Boden für das neue Wettbewerbsdenken hat eine ganze Reihe nationaler und globaler Rankings bereitet. Mit immer größerem Aufwand testeten sie in den vergangenen Jahren die Ergebnisse des professoralen Strebens. Anfangs fragten die – meist von Zeitschriften veröffentlichten – Leistungsvergleiche hauptsächlich nach der Zufriedenheit der Studenten mit Vorlesungen oder Bibliotheken. »Wohlfühlrankings«, konnten Kritiker da noch spotten. Zunehmend jedoch gerät das andere Kerngeschäft der Universitäten in den Blick, die Forschung.

In dieser Woche legt das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) – das von der Bertelsmann Stiftung und der Hochschulrektorenkonferenz getragen wird – zum dritten Mal sein Forschungsranking vor (siehe folgende Seiten). Es zählt, welche Forschungsgelder die einzelnen Fakultäten an Land ziehen konnten und wie viele Fachaufsätze und Bücher ihre Professoren veröffentlichen. Patente und Promotionen fließen ebenso in das Profil ein wie der Ruf der Forscher in der Community. Die ZEIT wird diesen ausführlichen Forschungsvergleich von diesem Jahr an regelmäßig vorstellen – wie auch das Hochschulranking des CHE, das sich an Studenten und Abiturienten richtet (und bislang vom stern veröffentlicht wurde).

Die Erhebungen des CHE gelten als die gründlichsten und aussagekräftigsten in Deutschland – doch die einzigen sind sie nicht. Eine ähnliche, wenn auch weniger differenzierte Leistungsschau erschien vergangenes Jahr im Focus. Und noch dieses Jahr wird das Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung der Deutschen Forschungsgemeinschaft seine Arbeit aufnehmen. Die neue Einrichtung soll das Forschen überwachen und das DFG-Förderranking (siehe ZEIT Nr. 28/03) unterstützen, mit dem der Hauptsponsor deutscher Forschung regelmäßig auflistet, welche Universitäten die meisten Gelder erhalten.

Service