Der Regisseur streckt den Kopf nach vorn, seine Arme stehen seitlich ab, die Schultern zieht er nach oben. In den nächsten Tagen wird Hannes Stöhr immer dann, wenn es stressig wird, die Schultern noch ein Stück in die Höhe schieben. Und dies ist ein stressiger Augenblick: Stöhr steht in der Berlinale Lounge des Hyatt-Hotels. Vor dem Fenster leuchtet der Potsdamer Platz. Etwa 40 Menschen stehen um ihn herum und erwarten, dass er sie ansieht, mit ihnen redet, sich um sie kümmert. Die Schauspieler fordern Aufmerksamkeit, die Produzenten Zuspruch, der Protokollchef der Berlinale Ordnung. Einige Nebendarsteller haben noch keine Karten für die Premiere. Die Jackett- und Manteltaschen des Regisseurs sind ausgebeult. Darin stecken Klarsichtfolien, gefüllt mit Kartenhäufchen für verschiedene Menschen und Gelegenheiten. Die größte Sorge eines Regisseurs vor seinem Berlinale-Auftritt scheint zu sein: Wer bekommt wann welche Karten? Und wie viele? Noch fünf Stunden bis zur Weltpremiere seines Films One Day in Europe , des ersten deutschen Wettbewerbsbeitrags dieser Filmfestspiele.

Die anderthalb Stunden Film könnten darüber entscheiden, ob er in den nächsten Jahren wieder drehen kann, ob er Geld bekommt, ob Schauspieler und Produzenten seine Nähe suchen oder ob ihn für lange Zeit niemand mehr zurückruft. Vier Jahre Arbeit können in einem kurzen Augenblick gefeiert oder zunichte gemacht werden. Stöhr weiß das, deshalb berühren seine Schultern seit ein paar Stunden fast die Ohren. Das Team trinkt Champagner zur Beruhigung. Acht Hauptdarsteller aus vier Ländern bemühen sich, eine Sprache zu finden. Stöhr läuft von einem zum anderen, lacht, raucht, moderiert, übersetzt. Der Protokollchef lächelt schon seit einer ganzen Weile nicht mehr. Und gleich soll der Festivalleiter auftreten.

Eine Woche zuvor. Hannes Stöhr ist auf dem Weg zu seiner alten Filmhochschule, der DFFB. Er will Filmplakate vorbeibringen. Stöhr steigt in den Fahrstuhl und erinnert sich, wie bei seinem ersten Film Berlin is in Germany das Mischungsatelier der Schule unter Wasser stand. Der Film drohte nicht rechtzeitig zur Berlinale fertig zu werden. Stöhr setzte sich acht Stunden in den Mischungsraum der Konkurrenzfilmhochschule in Potsdam. Dann legte er seinen fertigen Film den Vorführern der Berlinale ins Zimmer, sie sollten ihn der Auswahljury zeigen. Viele Filmstudenten machen das so. Es ist der direkteste Weg zur Jury. Berlin is in Germany gewann 2001 den Panorama-Publikumspreis. Damals hatte Stöhr keinen Pressebetreuer. Gemeinsam mit seinem Hauptdarsteller Jörg Schüttauf eilte er durch die Stadt. Und es war eher Zufall, wenn die beiden bei einem Interviewtermin erschienen.

Stöhr setzt sich in die Kantine der Hochschule und bestellt Leberkäse. Durch die Glasfront blickt man auf den Innenhof des Sony Center. Bodo Knapheide, der Assistent des Studienleiters, schaut vorbei. Er trägt die Haare sehr kurz, lächelt Stöhr an. "Ich hab dich früher für einen Hallodri gehalten." Für einen Glücksritter, der neben dem Studium noch jonglierte. Stöhr schaut ein wenig verunsichert. Zweimal hat er sich an der Filmhochschule beworben, zweimal wurde er angenommen. Beim ersten Mal ist er einfach nicht erschienen. "Ich wollte lieber nach Spanien", sagt er. Stöhr hatte plötzlich Angst vor der Unsicherheit, dem Warten, der jahrelangen Jagd nach Geld für ein Projekt. Knapheide sieht ihn an: "Bei dir ist es doch bilderbuchmäßig gelaufen." Stöhr schweigt. Er ist jetzt 34. Es sieht aus, als habe er es geschafft. Aber nur bis zum nächsten Film. "Und haste ’nen Anzug?", fragt Knapheide. – "Boss hat angefragt", antwortet Stöhr. Er habe sich aber zwei Italiener gekauft. Knapheide muss grinsen.

Ein wenig später klopft Hannes Stöhr an die Tür des Schulleiters Reinhard Hauff. Er hat weiße Haare, die fast bis zu den Schultern reichen. Der ehemalige Student duzt den Direktor, der Direktor siezt zurück. Hauff spricht sehr langsam, er wird Ende März an der Schule aufhören. Er betrachtet seinen ehemaligen Schüler. "Ich dachte am Anfang, Sie seien so ein Zirkuskind." Die ersten Filme hätten viel Fantasie gezeigt, sich aber immer in Kleinigkeiten verloren. Hauff lächelt jetzt. Dann spricht er über seine Enkel. Stöhr erzählt von seinem neuen Projekt, einem Western. Hauff nickt. Am Ende fragt er: "Und sind Sie aufgeregt? Nein?" Der alte Regisseur mustert den jungen. "Wir haben doch schon gewonnen, wir sind im Wettbewerb", sagt Stöhr.

Kurz danach ist er im Auto unterwegs in die Brunnenstraße in Berlin-Mitte. Als er noch an die Filmhochschule ging, wohnte er dort mit seiner türkischen Freundin in einem besetzten Haus. Nachts gab es Schlägereien mit Neonazis. Einmal brannte es, die Ausländerpolizei schaute öfter vorbei. Stöhr stritt mit "den Stalinisten", wie er sie nennt, die in seiner Wohnung Molotowcocktails lagern wollten. Stöhr baute lieber eine Stahltür ein; heute lebt er am Prenzlauer Berg. Die Filmhochschule und Stöhrs Alltag hatten damals nicht besonders viel gemein. Das Leben schien unüberschaubar kompliziert. Stöhr stammt aus Hechingen-Sickingen, einem Dorf in Schwaben mit 700 Einwohnern. Berlin war das Exil, das Unfassbare. Im Auto telefoniert Stöhr mit Schauspielern, sie fragen nach Karten. Menschen, mit denen er seit Jahren nicht mehr gesprochen hat, senden E-Mails. Vielleicht müssen einige Schauspieler während der Berlinale in seiner Wohnung übernachten. Der Regisseur als Dompteur von allerlei Begehrlichkeiten.

Donnerstag, der Abend der Berlinale-Eröffnung: Stöhr und zwei seiner Schauspieler laufen über den roten Teppich. Wohin das Auge blickt: Fotografen. Kein schlechtes Gefühl. Leider trifft zur gleichen Zeit Bai Ling ein, chinesische Schauspielerin und Jurymitglied. Ihr Dekolleté reicht fast bis zum Schambein. Die Kameras schwenken um. Der Protokollchef fragt Stöhr, ob sie noch einmal über den Teppich laufen wollen.

Die Eröffnungsparty ist so voll, dass es kaum einer bis zum Buffet schafft. Man steht im Treppenhaus des Berlinale-Palastes am Potsdamer Platz. Irgendwo müssen Joseph Fiennes und Kristin Scott Thomas sein, die Stars des Eröffnungsfilms. Kamerateams filmen Heike Makatsch und Renate Künast. Lokalpolitiker nippen an Sektgläsern. Der Regisseur kämpft sich zum Buffet durch. Neben ihm versucht die Schauspielerin Katrin Saß vergeblich, an ein Fleischröllchen zu gelangen. Stöhr legt ihr eines auf den Teller. "Ich kenne Sie", sagt er. Im Gesicht der Schauspielerin erblüht ein Lächeln. Der Regisseur und die Damen, das ist ein großes Thema. Wenn Hannes Stöhr mit Frauen redet, zieht er, ähnlich wie in einer Stresssituation, die Schultern nach oben, der Oberkörper schwingt vor und zurück.