Wer Deutschland mit dem Pressetross des Weißen Hauses erreicht, hat für einen Augenblick Gelegenheit, das Gastland aus der Perspektive des amerikanischen Präsidenten wahrzunehmen. Die Washingtoner Presse landet kurz vor der Air Force One an derselben Stelle, dem militärischen Teil des Frankfurter Flughafens. Und sie fährt kurz vor dem Präsidenten beinahe auf demselben Weg ins kurfürstliche Schloss nach Mainz. Man erlebt die Welt im Innersten jener Sicherheitsglocke, die über dem Rhein-Main Gebiet liegt. Der Eindruck ist, kurz gesagt, schockierend. Ein Geisterland gleitet worüber. Kein Auto zu sehen, nichts und niemand bewegt sich, Betriebe und Häuser liegen wie verlassen da, Straßen gesperrt, Bürgersteige mit Sperrgittern verstellt. Eine unwirkliche Stille breitet sich über dem Land aus. Nur Polizeiwagen gibt es. Und Polizeihunde. Und natürlich Polizisten. Alle paar Meter steht einer, in Wald und Feld, entlang der gesamten Fahrtroute. Augen sind nicht zu sehen, alle blicken in die Ferne und suchen einen imaginären Attentäter. Einzig der Schneefall mildert das brutale Bild ein wenig ab. Dies ist das gastfreundliche Land, das der Präsident sieht. Im Bus herrscht Stille. Niemand mag glauben, was er sieht. Niemand versteht diesen Sicherheits-Exzess. Manche der Korrespondenten aus dem Weißen Haus begleiten seit mehr als 20 Jahren Präsidenten. Sie waren schon mit Ronald Reagan im Ausland. "So was", sagt einer, "habe ich noch nie gesehen." Was reitet die Deutschen? Warum wirkte Brüssel, die erste Station der Reise, trotz massiver Sicherheitsvorkehrungen belebt, freundlich, normal? Und warum wirkt Deutschland leergeräumt, unbelebt, gespenstisch? Einer der Deutschen an Bord versucht den Amerikanern zu erklären: Da spiele ein kollektives Trauma eine Rolle, nämlich der Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft 1972. Ein anderer reißt zur Auflockerung einen Witz: "Die Deutschen nehmen ihren Wald sehr ernst. Die Polizisten stehen da und bewachen die Bäume."Die Ankunft im Schloss ist eine Erlösung. Endlich Menschen ohne Uniformen. Der Präsident fährt in seiner schwarzen Staatslimousine vor. Der Wagen hält in einem Sicherheitszelt, das gegen Angriffe mit Panzerplatten abgeschirmt ist. Die Begrüßung zwischen Kanzler und Präsident wirkt vertraut und doch förmlich. Wahrscheinlich sind solche Momente – die Hymne, das Abschreiten des Wachbataillons – nie ganz entspannt. Es ist ein Staatszeremoniell und soll so aussehen.Allerdings wirkt auch später nichts entspannt. Die jahrelange Belastung der Beziehungen liegt schwer auf diesem Morgen. Es treffen sich ein Präsident und ein Kanzler, die beide die Außenpolitiken ihrer Länder aus den Angeln hoben. Beide haben nun beschlossen, dass es im Interesse beider Staaten liegt, sich nicht ständig anzugiften. Das sagt am klarsten Gerhard Schröder, als er gefragt wird, worin sich seine Vorschläge zur Nato-Reform von denen des amerikanischen Präsidenten unterscheiden: "Wir haben uns verständigt, nicht immerzu zu betonen, wo wir uns nicht verstehen, sondern uns auf das zu konzentrieren, was uns verbindet." Eben dies ist der neue transatlantische Geist: Man will fortan freundschaftlich anderer Meinung sein. Nicht mehr und nicht weniger ist bisher geschehen. Das ist so wenig nicht. Wer will, das sich die Dinge verbessern, muss aufhören, den anderen mit Dreck zu beschmeißen. Den Ton der Meinungsverschiedenheiten zu ändern, ist schon ein Gewinn. Es ist aber nur ein Beginn.Partner können diese beiden Staatsmänner werden, Freunde nicht mehr. Das wird sogar im formalisierten Ablauf eines Staatsbesuchs deutlich. Wärme, Zugeneigtheit ist nicht zu spüren. Gesten dementieren alle Worte. Wenn Georg Bush spricht, liegt Gerhard Schröders Gesichtslandschaft versteinert da. Er schaut starr in die Menge und dreht sich dem Präsidenten nicht zu, selbst wenn dessen Körpersprache nach Zustimmung sucht. George Bush bemüht sich immerhin. Wenn Schröder spricht, wendet er sich dem Kanzler in offener Geste zu, nickt, unterstützt dessen Worte symbolisch. Es ist eben Bush, der die Initiative ergriffen hat, den Tiefpunkt der Beziehungen endlich zu durchschreiten. Er bekennt am Nachmittag, auch selbst "manchmal schuldig gewesen" zu sein, wenn Staatsleute aus beiden Ländern "aneinander vorbeigeredet" hätten.George Bush hat einiges mitgebracht, um den Deutschen zu zeigen, dass er den Kalten Krieg zwischen Alliierten nun wirklich beenden will. Er akzeptiert, dass Deutschland keine Truppen in den Irak schickt, auch nicht zur Sicherung des Wiederaufbaus. "Ich verstehe die Begrenzung der deutschen Beteiligung ganz und gar", sagt George Bush. "Außerdem ist die Beteiligung, von der Gerhard Schröder nun spricht, gar nicht begrenzt, sondern wichtig." Es ist, erstmals, eine Brücke, die tragen könnte.Als Gastgeschenk für die Deutschen hat George Bush auch neue Beweglichkeit in der Klimapolitik mitgebracht. Jahrelang lang hat er das K-Wort vermieden. Kyoto gehört nicht zu seinem Wortschatz. Jetzt deutet der amerikanische Präsident an, dass es – wie in Sachen Irak – möglich ist, den Streit hinter sich zu lassen. Zwar wird Amerika den Kyoto-Vertrag auch jetzt nicht unterschreiben, sich andererseits aber anderen Arten des Klimaschutzes nicht verschließen. Das kann die Grundlage einer neuen Zusammenarbeit werden. Bush eröffnet die Möglichkeit, Amerika für internationale Klimapolitik zu gewinnen. Nun kann an Konzepten gearbeitet werden.Bushs wichtigstes Mitbringsel ist freilich sein Bekenntnis zum einigen Europa. Er beendet damit die Debatte in seiner eigenen Partei, in der es Stimmen gibt, die das amerikanische Interesse an einem schwachen und entzweiten, nicht an einem starken und einigen Europa konstruieren. Bush dagegen hat in Mainz in seiner Tischrede gesagt, dass Europa ohne ein starkes Deutschland nicht stark sein kann – und Amerika kein gutes Verhältnis zu Europa ohne ein gutes Verhältnis zu Deutschland haben kann. Ebendies ist die Logik von Bushs Besuch. Für Deutschland liegt darin eine Chance.