Gesamtschule Pisa gegen Pisa
Deutschland streitet wieder über die Gesamtschule. Gegner und Befürworter berufen sich auf die Pisa-Studie. Wer hat Recht? Ein Disput unter Kennern
DIE ZEIT:
Reden Sie eigentlich noch miteinander?
Manfred Prenzel: Natürlich.
Andreas Schleicher: Warum nicht?
ZEIT: In der Öffentlichkeit werden Sie als Papst und Gegenpapst der Pisa-Studie wahrgenommen. Für die einen gelten Sie, Herr Schleicher, als der selbstherrliche Experte aus dem Ausland, der den Deutschen die Gesamtschule verordnen will. Andere sehen in Ihnen, Herr Prenzel, den Auftragsforscher der Kultusministerkonferenz, der im Gleichklang mit seinen Geldgebern die Debatte um die Schulstruktur meidet. Und beide berufen Sie sich auf die Ergebnisse der Pisa-Studie.
Schleicher: Ich will niemandem die Gesamtschule verordnen, schon gar nicht das Modell, das hierzulande gescheitert ist. Aber Deutschland kommt um die Strukturdebatte nicht herum. Das ist nicht nur meine persönliche Schlussfolgerung, sondern die der OECD. Erfolgreiche Bildungsnationen gehen mit der Unterschiedlichkeit der Schüler konstruktiver um. Das gegliederte deutsche Schulsystem lädt dazu ein, Schüler abzuschieben, anstatt sie zu fördern.
Prenzel: Als empirischer Bildungsforscher bin ich zurückhaltender mit Rezepten. Pisa beschreibt sehr gut die Schwächen unserer Schulen. Zum Beispiel mit dem dramatischen Befund, dass ein knappes Viertel der 15-Jährigen nur auf niedrigstem Niveau lesen und rechnen kann. Aber die Studie gelangt an Grenzen, wenn Unterschiede zwischen Staaten erklärt werden sollen. Aus der Schul- und Unterrichtsforschung wissen wir, dass zahlreiche Faktoren eine Rolle spielen. Das Schulsystem ist ein Faktor neben vielen. Und das Bild ist hier keineswegs einheitlich: Die Niederlande und das belgische Flandern sind mit gegliederten Schulsystemen erfolgreich. Aus den Pisa-Daten allein können wir keine Maßnahmen ableiten, die Deutschland im internationalen Vergleich noch vorn bringen.
- Datum 22.11.2007 - 11:10 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.02.2005 Nr.8
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