Christo und Jeanne-Claude Unter goldenen Segeln
Sensation aus Licht und Farbe: Die Künstler Christo und Jeanne-Claude verwandeln den New Yorker Central Park in eine leuchtende Sehnsuchtslandschaft
7500 Tore, The Gates, säumen für 16 Tage rund 37 Kilometer Wegstrecke im New Yorker Central Park
Foto: Perkovic/Volz/laif
Bescheiden lebt er, asketisch, gönnt sich kein Auto, keinen Urlaub, keine freie Minute. Steht 17 Stunden am Tag vor seinem Zeichenbrett, und wenn er mal Pause macht, dann nur für eine Portion Jogurt mit Knoblauch. Auch seine Kunst soll so sein, sagt er. Selbstgenügsam, ohne Botschaft und frei von Sinn. Doch das ist nur der eine Christo.
Der andere ist kein Asket, er ist Absolutist. Strebt ins Vermessene und legt sich an mit der Schöpfung, der menschlichen und der göttlichen. Keine Landschaft ist ihm zu weit, kein Gebäude zu gewaltig, und so verschnürt er Brücken, umsäumt Inseln, überfängt Schluchten. Jetzt nimmt er es sogar mit den Jahreszeiten auf und verlegt Ostern in den Februar. Mitten in New York, im winterlichen Central Park, zelebriert er eine Art Erweckung, er bringt das Erstorbene zum Leuchten.
Natürlich, so würde Christo, der Bescheidene, es niemals sagen. Er spricht lieber nüchtern von den gigantischen Zahlen, von den 1000 Helfern, den 7500 Kunststofftoren und 15000 Stahlsockeln, aufgebaut binnen weniger Wochen, verteilt auf eine Wegstrecke von 37 Kilometern. Und es ist ja tatsächlich beeindruckend, wie militärisch präzise und logistisch ausgeklügelt Christo und seine Frau Jeanne-Claude ihr Großvorhaben ins Werk gesetzt haben. Noch viel großartiger aber ist das, was am Wochenende endlich enthüllt wurde und seither die Stadt zum Staunen bringt.
Fast alle hatten ja gemeint, dies Kunstwerk schon zu kennen. Auf unendlich vielen Zeichnungen hatte Christo seine glühenden Tore und die frei im Wind spielenden Tücher bereits vorgeführt. Die Wirklichkeit, so schien es, würde da kaum noch Neues bieten können oder gar dahinter zurückbleiben. Und tatsächlich standen mit einem Mal diese unbeholfenen Gestelle in der Landschaft, grob verschraubt und auf hässlichen Füßen – Enttäuschung bahnte sich an. Doch dann die Enthüllung der Tücher, die Segel begannen zu flattern, und plötzlich war alles ganz neu, ganz unvorhergesehen. Dies heitere Schweben und Wogen, das leichte Kräuseln, das harte Zurren, das Tändeln, Schlenkern, Treiben, das hatte sich so beschwingt niemand vorstellen können.
Es ist, als hingen da lauter monochrome Bilder, nur dass sich die Leinwände losgerissen haben und nun ein fröhliches, ungezähmtes Leben führen. Plötzlich heißen die Künstler nicht mehr Christo und Jeanne-Claude, sondern Wind und Sonne, und die formen und färben ihr Kunstwerk, ganz wie es ihnen beliebt. Da reicht ein matter Strahl, schon beginnt das eigentümliche Leuchten. Mal seidig und geheimnisvoll sanft wie auf den Bildern Vermeers, mal tief und sommergelb wie bei Rothko. Oder das Licht fängt sich in den tiefen eingenähten Falten und malt wunderbar zarte Streifen auf die Nylonsegel, die im Wind leicht zu tanzen beginnen und ihre Nachbarn zu den seltsamsten Reigen anstiften. Jedes dieser Tore hat dieselbe Farbe, denselben Stoff, und doch sind sie alle anders und einzig in ihrem Strahlen, im weichen Auf und Nieder. Stundenlang kann man darunter herlaufen und entdeckt immer wieder ein neues Flackern, ein unvermutetes Glimmen. Der Park, eben noch fahl und erloschen, steht in voller Blüte.
In der künstlichen Landschaft des Parks wird das Ästhetische zur Natur
Welch ein Schauspiel: Kunst und Natur eng verschwistert, sie beleben sich gegenseitig – und erzählen viel übereinander. Da ist der Künstler, der doppelte Christo, dessen Tore so karg, geometrisch und rational daherkommen, der aber ganz selbstverständlich die irrationalen Kräfte von Wind und Licht für sich spielen lässt. Und da ist der Park, dieses schmale lange Handtuch, 341 Hektar groß, das eingefasst wird vom Schachbrett-raster der Stadt und sich im Inneren gleichwohl frei und ungezwungen entwickelt, hügelig und verwunschen. Das eine, so meint man, wird zum Abbild des anderen, Mikro und Makro fallen in eins. Heute ist es Christos Segelparade, die als das größte Kunstwerk der Stadt gepriesen wird; vor gut 150 Jahren hielt man den Central Park dafür.
Damals galt es als Ausdruck höchster Natur- und Selbstbeherrschung, eine Landschaft so zu formen, als sei sie ganz von selbst gewachsen und nie von Menschenhand berührt worden. Und tatsächlich ahnt heute niemand mehr, welche gigantischen Erdmassen, 2,3 Millionen Kubikmeter, einst bewegt worden waren, um dem sumpfigen Gelände die Täler und Hügel, Wiesen und Seen abzugewinnen. Längst erscheint das Kunstprodukt als etwas Natürliches und wird vehement gegen jedwede Veränderung verteidigt. Auch Christo und Jeanne-Claude wollte man lange nicht in den Park lassen, sie würden Löcher für ihre Tore buddeln und die Idylle stören, hieß es. Tatsächlich spiegelt ihre naturbewegte Kunst nur die kunstgeborene Natur, spielt mit den schwer definierbaren Grenzen zwischen dem einen und dem anderen, zwischen Organischem und Menschengemachtem. Und in diesem Spiel wird – für den, der sehen will – die Geschichte des Parks, sein Zwitterwesen, wieder gegenwärtig.
Das Verwandeln und Verwischen der Grenzen ist das Leitthema dieser großen Inszenierung. Vielleicht fangen auch deshalb die Zeichnungen und die Fotos nur so wenig vom Eigentlichen ein, weil dieses Eigentliche allein als Bewegung zu erfahren ist und in Bewegung. Die Tore ziehen uns auf ihren Kurs. Sie verlangen keine Fixierung, sind nicht monumental, nicht erhaben wie der verhüllte Reichstag. Vielmehr laden sie ein zum Tempowechsel, zur Gemächlichkeit. Es gibt in diesem Parcours keinen Anfang, kein Ende, es gibt immer nur das nächste Tor und immer noch eins. Wenn sie überhaupt etwas erschließen und zu etwas führen, dann höchstens dazu, den Augenblick zu fassen, sich am Moment des Durchschreitens zu freuen.
Daher, von ihrer Flüchtigkeit, rühren der Reiz und die Schönheit der Tore. Gerade weil sich alles bewegt, weil alles verfließt, erzählen sie vom Unwiederbringlichen – im Kleinen, aber auch im Großen. Wie bei all ihren Großkunstwerken geben Christo und Jeanne-Claude auch dem Feuerwerk in Orange nur eine kurze Frist, 16 Tage. Der ungeheure Aufwand, die Anstrengung von 26 Jahren, die es brauchte, um alle Gremien zu überzeugen und die Gelder zu beschaffen, die Hartnäckigkeit der Künstler, ihre Glaubensstärke, das absolutistische Wollen – sie führen nur zu einer kurzen Blüte. Dann kommt das Nichts.
Erst dieses Nichts ist es, das den Größenwahn von Christo und Jeanne-Claude erträglich, ja bewundernswert macht. Sie beherrschen die Kunst der Unersättlichkeit und die der Selbstbescheidung, das Unbedingte ist bei ihnen ein natürlicher Nachbar der Vergänglichkeit. Aber gerade das, die Feier des Augenblicks, lockt viele Menschen an.
Selbst jene New Yorker, die anfangs eher verhalten waren, lassen sich begeistert in den Sog dieser Kunst hineinziehen. Als wäre es das schönste Sommerwetter, strömen sie zu Hunderttausenden hinaus, und etliche, die sonst nur zum Joggen in den Park kommen oder um den nächsten Kinderspielplatz anzusteuern, verlassen ihre üblichen Trampelpfade und finden sich plötzlich im Unbekannten wieder, in Ecken, die ihnen bis dahin fremd waren. Und so wandelt sich das Bild des Parks abermals.
Sicher, manche bleiben auch misstrauisch. Ihnen erscheint die Prozession, das Hin-und-her-Strömen der Menge, kurios und befremdlich. Andere spotten über die Gefühlsduselei, den Strahlekitsch. Beide Gruppen bestreiten, dass hier von Kunst überhaupt die Rede sein könne. Doch stehen Christo und Jeanne-Claude in einer verblüffend weit zurückreichenden Tradition. Ihre Promenade lässt sich ohne weiteres mit den Um- und Aufzügen des Mittelalters vergleichen, die immer dann abgehalten wurden, wenn es etwas zu feiern gab: eine Krönung, eine Hochzeit, einen Sieg.
Und fast immer spielten Künstler dabei mit. Sie entwarfen Festwagen und Festons, oftmals auch eine Ehrenpforte, die, anders als die üblichen Triumphbögen, nie als ein festes, bleibendes Denkmal errichtet wurde. Nicht selten drapierten die Künstler einen solchen Arcus honorabilis auch mit Tüchern, so etwa beim Einzug Philipps des Guten 1454 in Gent. Und manchmal errichteten sie gleich eine ganze Phalanx an Ehrenpforten, ganze 284 waren es bei der Hochzeit von Leopold V. und Claudia de’ Medici in Innsbruck 1626.
Schon das bolschewistische Russland kannte solche Installationen
Nun wird im Central Park niemand gekrönt, niemand verheiratet, und vermutlich weiß Christo gar nicht um die üppige Vorgeschichte seiner Torbauten. Dennoch lebt seine Kunst in der Tradition der großen, vom Künstler inszenierten Festzeremonie, die sich auch in den französischen fêtes révolutionaires und später in der russischen Revolution fortgesetzt hatte. Damals proklamierte Wladimir Majakowskij: »Lasst uns die Straßen zu unseren Pinseln machen, die Plätze zu unseren Paletten!« Heute sagt Christo: »Ich habe den öffentlichen Raum zu meiner Leinwand gemacht.«
Aufgewachsen und ausgebildet in Bulgarien, war er schon früh ein begeisterter Anhänger der Kubofuturisten gewesen, die zum Beispiel die Erstürmung des Winterpalais nachgestellt hatten, mit viel Holz und Pappe und noch mehr Leinwand, vor über 100000 Zuschauern. Ein wenig zumindest von dieser Theatralik findet sich in fast allen Christo-Inszenierungen, auch seine Gates schleusen etwas von den kommunistisch inspirierten Kunstidealen mitten hinein ins Herz des Kapitalismus. Ähnlich, wie es sich einst Nathan Altman oder Moses Ginzburg in Petrograd erträumten, verwirklicht Christo hier eine Kunst, die sich modernster industrieller Fertigungstechnik bedient, die von Arbeiterhand errichtet wird, die aufgeht im Öffentlichen und die frei ist von Zwängen und Hierarchien. Im MoMA kostet der Eintritt 20 Dollar, hier hingegen darf jeder umsonst sehen, umsonst umhergehen. Und niemand, noch nicht einmal Christo und Jeanne-Claude, können von der Kunst Besitz ergreifen. Sie dient einzig dazu, die Menschen zu einen und zu bewegen. Man könnte auch sagen: Sie dient der Erstürmung des Central Park.
Tatsächlich waren die Gates 1979, als die Idee entstand, ein fast revolutionäres Vorhaben. Die Stadt hatte ihren großen Garten herunterkommen lassen, hatte fast alle Mittel für den Unterhalt gestrichen, bald herrschten Dealer und Kleinkriminelle, Gewalt und Angst. Viele New Yorker mieden den Park, er war nicht mehr der ihre. Christos Tore aber, das war damals die Hoffnung, hätten ihn zurückerobern können.
Heute ist er längst wieder befriedet und war es auch schon, ehe die Christos kamen. Heute gibt es andere Konflikte. Die Stadt nämlich hat sich im Laufe der Jahre immer weiter aus der Verantwortung herausgestohlen, sie überlässt die Finanzierung zu 85 Prozent den Stiftern und Sponsoren – und räumt ihnen im Gegenzug mitunter ein eigenes Parkrecht ein. Nicht wenige in New York beklagen sich darüber, dass ganze Wiesen und Seeufer abgesperrt werden, nur um dort exklusive Galas und Geldempfänge abzuhalten.
Ein Werk der Freiheit, vor allem auch der Freiheit von Sponsoren
Erneut gibt es im Central Park etwas zu egalisieren – und genau das tut die politische Landschaft von Christo und Jeanne-Claude; und zwar gleich doppelt. Dadurch, dass ihre Tore keine Türen haben, dass sie allen offen stehen. Und indem die beiden Künstler den hohen Wert der Freiheit von Sponsoren selbst vorleben. Kategorisch verzichten sie auf jede Art der Förderung und akzeptieren nur einen Mäzen: sich selbst. Sie verkaufen Christos Zeichnungen und Modelle, nur um das Material, den Aufbau, die Sicherheit bezahlen zu können, um souverän und ungebunden auftreten zu können. So halten sie es mit allen ihren Projekten, hier in New York aber wirkt das wie eine Aufforderung an die Stadt, auch dem eigentlichen Kunstwerk, dem Central Park, wieder finanzielle Autonomie einzuräumen.
Allerdings ist es nur eine geflüsterte, eine indirekte Forderung, wie überhaupt dem ganzen goldenen Adernetz etwas Verhaltenes, etwas Liebliches anhaftet. Viele frühere Aktionen waren unbotmäßig, aggressiv, so etwa als Christo 1969 gleich 5000 Meilen Autobahn, den Highway von der Ost- zur Westküste, absperren wollte. Im Central Park hingegen hält sich die Kunst brav an die Benutzerordnung. Sie schlägt keine eigenen Schneisen, sie krümmt kein Ästchen und kein Hälmchen, sondern bleibt auf den üblichen Wegen. Und in den besonders geschützten Vogelreservaten unterbricht sie sogar den eigenen Farbfluss. Ob das Altersmilde ist?
Vielleicht aber zeigt sich da auch nur wieder der doppelte Christo, sein dialektisches Wechselspiel von Askese und Absolutismus. Er weiß genau, dass es bei den Gates nicht unbedingt auf Konsequenz und auf Überwältigung ankommt. Hauptsache, die Menschen verlaufen sich im Vertrauten, spüren den Sommer im Winter, wandern gemeinsam durch Farbe und Form. »Das Fest ist Gemeinsamkeit, Fest ist immer für alle«, hat Hans-Georg Gadamer einmal gesagt. Und ein Fest ist dies große Leuchtwerk allemal.
Audio www.zeit.de/audio
- Datum 19.11.2009 - 17:48 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.02.2005 Nr.8
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