Heike List presst jedes Wort des Satzes einzeln hervor, fast so, als gäbe es da einen Gegenwind, der die Aussage nicht aus ihrem Mund lassen will. "Der Irak-Krieg war richtig."

Die 24-Jährige studiert Politik, Philosophie und Geschichte in Mannheim. Sie sagt, sie sei George W. Bush dankbar "für seinen konsequenten Einsatz für Demokratie und Menschenrechte". Über ihrem Schreibtisch hängt ein Bild von Condoleezza Rice. In Seminaren, sagt sie, gelte sie als "die Bellizistin". Aber sie wählt Grün. Damals, im Kosovo, habe sie Joschka Fischers Entscheidung beeindruckt, einfach einzugreifen und, Völkerrecht hin oder her, das Morden zu stoppen. Kurz vor Beginn des jüngsten Irak-Kriegs, als Hunderttausende für Frieden demonstrierten, hat Heike List darüber nachgedacht, auch ein Plakat zu malen. "Free the Iraqi People" wollte sie draufschreiben. Aber sie hat es lieber sein lassen.

Das Leben ist hart als Bush-Anhänger in Deutschland. Hier, wo in Medien und Alltag das ungeschriebene Gesetz gilt, bei dem US-Präsidenten handele es sich um einen schießwütigen Blödling, mindestens aber um einen geistig schwachen Exalkoholiker, verlangt es ein gewisses Selbstvertrauen, sich als Dabbeljuh-Freund zu erkennen zu geben. Immerhin lehnen 87 Prozent der Deutschen die Außenpolitik Amerikas ab, wie der German Marshall Fund kürzlich herausfand. Kurz vor dem Irak-Krieg hielten 53 Prozent der Deutschen die USA gar für das Land, von dem die größte Gefahr für den Weltfrieden ausgeht. Günter Grass und Walter Jens sehen sich von einem "Totalitarismus neuer Art" bedroht, und beinahe jeder dritte Deutsche unter dreißig ist der Ansicht, Washingtons Neocons könnten die Anschläge vom 11. September 2001 selbst in Auftrag gegeben haben – um überall auf der Welt Kriege für Öl führen zu können. Der Anti-Bushismus, kurz gesagt, ist längst eine Art Religionsersatz geworden.

Stefan Herre, gelernter Sportlehrer und Medienanalytiker aus Köln, hat demonstrativ eine amerikanische Flagge aus dem Fenster gehängt. "Ich finde es wichtig, dass man zu seiner Meinung steht", sagt der 39-Jährige. Und seine Meinung sei nun mal: Der Bush zeige Rückgrat, er tue genau das Richtige im Nahen und Mittleren Osten, auch wenn das kaum ein Europäer wahrhaben wolle. "Er packt das Übel des islamistischen Terrorismus bei der Wurzel." Spätestens in zehn Jahren, glaubt Herre, werde sich herausstellen, dass die Befreiung des Iraks die ganze Region befrieden werde. Deshalb will Herre mit einigen Gleichgesinnten am 23. Februar nach Mainz fahren – zu einer Pro-Bush-Demo.

Dort wird auch der 27-jährige David Harnasch mitmarschieren. Harnasch arbeitet als Lokaljournalist in Freiburg, aber man hat den Eindruck, der eigentliche Beruf des Mannes ist sein Hobby, die Politik. Zwei bis drei Stunden täglich füttert er sich mit Nachrichten aus dem Internet, speziell aus den USA, er betreibt sein eigenes Weblog und ist Mitglied bei den Jungen Liberalen. Wenn er in der Kneipe sagt, er bewundere George Bushs Außenpolitik, dann, erzählt er, wird er schon mal Faschist genannt. Das mache ihm aber wenig aus. Denn solche Leute, gibt er zurück, "haben in der Regel einfach keine Ahnung".

Bildungsmangel jedenfalls kann man den Mitgliedern der deutschen Fangemeinde von George Bush nicht vorwerfen. Sie sind jung, akademisch geschult, meist online und bis an die Zähne mit Argumenten bewaffnet. George Bush ein texanischer Simpel? Von wegen, endlich mal ein selbstironischer Politiker! Die Neocons teilen die Welt in Gut und Böse ein? Na und?! Endlich mal Leute, die sich trauen, "richtig" und "falsch" zu sagen! Mit derlei klaren Bekenntnissen lösen die deutschen Bush-Sympathisanten in ihrem gesellschaftlichen Umfeld in aller Regel shock and awe aus. "Ich habe inzwischen, ohne Bedauern, gut die Hälfte meines Freundes- und Bekanntenkreises verloren, die mich irgendwie extrem und abwegig findet", bekennt Stephanie Sellier, eine Publizistin aus Köln. "Ich meinerseits finde sie borniert, gutmenschlich, islamistenfreundlich, dumm. Das ertrage ich nicht mehr."

Sich abgrenzen wollen von – aus ihrer Sicht – Naivlingen und dem uninformierten Mainstream, von deutscher Unentschiedenheit und moralischer Leere, das ist es, was viele Sympathisanten von George Bush hierzulande eint. Doch nicht jeder deutsche Bush-Freund wagt sich hervor. Der 30-jährige Niko möchte seinen Nachnamen besser nicht in der Zeitung sehen. Schon seine Schwester sei "schwer enttäuscht" gewesen, dass er über seine Ansichten mit der Presse spreche. Handfeste Nachteile fürchtet er jedoch am Arbeitsplatz, sollte herauskommen, dass er beispielsweise die Wirtschaftspolitik der Republikaner richtig klasse findet. Weil in seiner Firma "nach der Nase" entschieden werde, wer in welcher Abteilung arbeite, wolle er sich gar nicht erst der Gefahr des politischen Mobbings aussetzen.

Ja, aber haben denn die Anti-Bushisten nicht Recht? Was war denn mit Bushs Geschichten von den irakischen Massenvernichtungswaffen? Und wo blieben die Menschenrechte im Abu-Ghraib-Gefängnis? – "Es wäre redlich von den Medien, darauf hinzuweisen", sagt Heike List, "dass alle Geheimdienste, sogar die europäischen, davon ausgingen, dass es im Irak Massenvernichtungswaffen gab." Die Folterbilder aus dem Irak, die waren eine schlimme Sache, keine Frage. "Aber die Russen haben auch deutsche Frauen vergewaltigt. Trotzdem ist es gut, dass Deutschland befreit wurde", sagt Jan Burdinski, Politikberater in Berlin. Burdinski nennt sich einen "Wirtschaftsliberalen", war in den neunziger Jahren eine Zeit lang Sprecher der FDP in Berlin und trat am 4. Juli vergangenen Jahres den Republicans Abroad bei. Als Bush im November wiedergewählt wurde, hat Burdinski sich mächtig gefreut – während der Rest des Landes in einer Art postelektiven Depression versank; 75 Prozent der Deutschen hatten sich Bush weggewünscht. Aber auch nur, weil sie nicht wüssten, wofür er eigentlich steht, glaubt Burdinski. Er hingegen ist sich sicher: "Mit Bush geht’s der Wirtschaft besser, und geht’s der Wirtschaft besser, kaufen die Amerikaner mehr deutsche Autos, und das bringt bei uns Arbeitsplätze."