die enttarnte gesellschaft Auf der Flucht

Der deutsche Fiskus besteuert bald auch Konten in der Schweiz. Doch die Verschwiegenheitsindustrie schlägt zurück

Hans Eichel kochte vor Wut: Dass ein Land sich dauerhaft als »Fluchtburg für die Steuerhinterzieher anderer Länder« hergebe – das begreife er nicht.

Mit der Fluchtburg meinte der Finanzminister die Schweiz. Und mit den Steuerhinterziehern meinte er eigene Landsleute.

Anzeige

Eichel landete seinen verbalen Rundumschlag im Juni 2002 auf dem EU-Gipfel in Sevilla. Seitdem gibt der Berliner Kassenchef keine Ruhe: Die Wege in die helvetische Fluchtburg versperren, das ist sein Ziel. Schätzungen zufolge haben Bundesbürger ein Vermögen von bis zu 500 Milliarden Euro in der Schweiz gelagert – ohne das beim deutschen Fiskus zu melden.

Um zumindest an einen Teil der Summe heranzukommen, setzten Eichel und die übrigen EU-Finanzminister einen Vertrag mit der Schweiz durch: das Abkommen zur Zinsbesteuerung.

Vom 1. Juli an müssen die Schweizer Banken bis zu 35 Prozent der Zinseinkünfte von EU-Europäern einbehalten, die in Zürich, Lugano oder Genf ein Guthaben unterhalten. Unter die Vereinbarung fallen etwa Zinsen auf Treuhandanlagen, Erträge aus Staatspapieren, Anleihen und Schuldverschreibungen. Dann überweisen die Banken dieses Geld an den Schweizer Staat, der es dann an die Heimatländer der Kontoinhaber weiterleitet. Die Länder bekommen allerdings keinen Hinweis auf die Identität ihrer steuerflüchtigen Bürger. Nur falls einen Steuerflüchtling die Reue packt und er die Zinseinkünfte an sein Finanzamt in Deutschland oder Italien meldet, verzichten die Eidgenossen auf dieses komplizerte Verfahren.

So weit der Plan. Deutsche und Schweizer Finanzexperten bezweifeln allerdings, dass künftig ein Geldregen auf Eichel & Co. niedergeht. »Die Zinsertragsteuer wird für die EU-Staaten aufgrund des engen Anwendungsbereichs kaum zu großen Steueraufkommen führen«, sagt etwa Richard Wuermli von der Zürcher Steuerfirma Tax Expert International. Und der Münchner Steuerfachmann Hans-Lothar Merten bezeichnet das Abkommen als einen Flop.

Trick eins: Ein Konto bei einer Schweizer Bank in Singapur

Die Großbank UBS, der größte Vermögensverwalter der Welt, und andere Finanzinstitute werden sich von Brüssel kaum das Geschäft verderben lassen und wenden sich in diesen Wochen vermehrt an Juristen wie Marnin Michaels von der Zürcher Filiale der internationalen Anwaltskanzlei Baker McKenzie. Michaels zeigt den Banken, wie sich die lästige EU-Regelung umgehen lässt. Ganz legal, versteht sich. »Die Nachfrage der Finanzhäuser nach unseren Diensten hat stark zugenommen«, sagt er.

Service