Diese Stadt gibt es nicht. Der Himmel ist zu weit, das Wasser zu ruhig, die Moschee zu sehr Ebenbild aller Moscheen, um wahr zu sein. Das Hochhaus links liegt in Wirklichkeit woanders, der Galata-Turm wurde aufgeblasen, damit er besser zur Geltung kommt, und auch sonst sind die Proportionen etwas durcheinander geraten. Istanbul, wie man es sich bei Doublemoon Records vorstellt, ist eine kühne Skyline, von Designerhand entworfen und am Computer hingepixelt. Tradition und Moderne finden als griffige Embleme zusammen, kleine gestalterische Freiheiten inbegriffen. "Es sind doch nur Icons", sagt die Grafikerin, die ganz bewusst die Brücke über den Bosporus in den Vordergrund gesetzt hat: Man muss die Botschaft kommunizieren, solange sie heiß ist.

Kommuniziert wird viel bei Doublemoon Records, im Konferenzraum, auf den Fluren, an den Bildschirmen. Promotion-Damen telefonieren mit London oder Berlin, die Türen zwischen den posterbehangenen Räumen stehen immer offen, und die Chefs – zwei Brüder namens Mehmet und Ahmet Ulug, die das Unternehmen vor 15 Jahren zusammen mit einem Jugendfreund gründeten – sind in ihren Casual-Wear-Pullovern vom Personal kaum zu unterscheiden. Damals war die Türkei noch eine geschlossene Gesellschaft, von undurchlässigen Machteliten beherrscht. Jetzt sorgt das Internet für Anschluss, die Welt strömt durchs Glasfaserkabel herein, was die Unternehmenskultur enorm beschleunigt hat. "Als wir anfingen, waren alle geschockt", erzählt Mehmet Ulug, "eine ganze Zeit lang hatten wir keinerlei Nachahmer." Inzwischen reden viele vom Orient, vom Okzident und der Brücke dazwischen.

Nirgends wird das Verbindende so heftig beschworen wie im eurasischen Grenzposten Istanbul, und nirgendwo findet es so viel Resonanz. Die beste Fremdenverkehrswerbung kommt derzeit von Fachfremden, von Musikern, DJs, jungen Künstlern, die ihre Arbeiten in einer der vielen neu entstandenen Galerien ausstellen, oder eben von aufstrebenden Media-Firmen wie Doublemoon. Das alte Image des Landes mit seinen Tempeln und Grabungsstätten ist out, gefragt sind Grenzüberschreitungen, Visionen, neuartige Synthesen. Längst ist es für mitteleuropäische Clubgänger zu einer Option geworden, ein Wochenende am Bosporus zu verbringen, Billigfluglinien machen’s möglich. Manche bleiben auch länger. Im Frühjahr wird Fatih Akins neuer Film in die deutschen Kinos kommen, eine Dokumentation der lokalen Musikszene namens Crossing The Bridge, gedreht wurde auf einem alten Vergnügungsdampfer direkt zwischen den Kontinenten. Drei Monate war Akin vor Ort, sein Fazit: "Istanbul brennt." Man könnte glauben, diese Stadt, an deren Bild so viele basteln, gäbe es doch schon – zumindest in Beyoglu.

Beyoglu, das traditionelle, zur Fußgängerzone umgestaltete Diplomaten- und Geschäftsviertel, ist eine Art fortgesetzter Liveversuch in Sachen Zukunftsfähigkeit. Zu jeder Uhrzeit lassen sich Pulks von Spaziergängern an den Ladenfronten der Amüsiermeile Istiklal Caddesi vorbeitreiben, an Wochenenden, wenn die Vorstadtjugend einfällt, ist kein Durchkommen mehr. Dann flanieren Gepiercte und sonstwie Beschleunigte einträchtig neben untergehakten Kopftuchträgerinnen, alle paar Meter dringt eine andere Musik aus Läden und Lokalen, und selbst die Losverkäufer in ihren abgetragenen Kleidern scheinen irgendwie Teil von Swinging Istanbul zu sein. Jung ist das Erscheinungsbild, so jung wie in keiner europäischen Stadt – Statistiken besagen, dass 50 Prozent der Bevölkerung unter 25 sind. Das permanente Defilée wirkt wie eine Demonstration für Tayyip Erdogans neue, weltoffene Türkei. Was nicht heißt, dass der frühere Bürgermeister, Staatschef und Vorsitzende der islamistischen AKP sich öfter hier blicken ließe.

Mit Clubs wie dem kurz vor der Jahrtausendwende eröffneten Babylon scheint seine konservative Weltsicht unvereinbar: Zu locker sind hier die Sitten, zu profan das Ambiente, zu international ist der gesamte Look – gepflegte Industrieruinen-Ästhetik für ein urbanes Publikum, das sich auf Weltniveau amüsieren möchte. Alkoholische Drinks gehören ebenso selbstverständlich dazu wie Designerdrogen, die allabendlich in einer der engen Seitenstraßen den Besitzer wechseln. Doch was nach Europa führt, nützt auch der Türkei. Und umgekehrt bekommt das Ausland etwas geboten. Die neueste Musik, wie sie in den Clubs gespielt wird, hat sich vom sklavischen Nachahmen westlicher Vorbilder gelöst. Statt um jeden Preis modern sein zu wollen, greift sie mit modernen Mitteln einheimische Traditionen auf. Flötenklänge, Muezzinrufe, orientalische Melismen, verwoben in elektronische Beats, das hat keine andere Metropole, das gibt es nur in Istanbul. Das Lokale kehrt wieder – als Kolorit aus dem Sampler.

Sufismus light im Technoclub – wer will, holt sich Mystik im Sauseschritt

Burhan Öcal etwa ist ein Mann, der weiß, was das Publikum von ihm erwartet. "Ohne ein bisschen Elektronik geht es einfach nicht", seufzt er hinter seiner Jetset-Sonnenbrille hervor und zuckt mit den Schultern, als hätte er sich dem Trend nur widerwillig angepasst. Dass alles schneller geworden ist – keine Frage, Flexibilität ist das Gebot der Stunde. Ohne zu zögern, zählt er seine vielfältigen Aktivitäten auf: Kooperationen mit Stars wie Paco de Lucia, Auftritte in Montreux, Kairo, Moskau, Berlin. Gerade hat er sein Istanbul Oriental Ensemble neu zusammengestellt, verjüngt, wie er sagt, dazu kommen Werbespots und neuerdings Aufnahmen zu einem abendfüllenden Kinofilm – Burhan Öcal ist ein wahrer Multiaktivist, ein Möglichmacher, auch ein großer Frauenheld, der öfter mal auf den bunten Seiten der Klatschpresse auftaucht. Dennoch oder deswegen steht er mit einem Bein immer noch in der alten Türkei. Im Kino soll er einen Gangster darstellen, "einen türkischen Al Pacino". Es ist eine Rolle, die er auch im Leben spielt.

Sein ambitioniertes Projekt hat ihn in seine Heimatstadt Kirklareli zurückgeführt, eine Provinzmetropole in Thrakien, dem nördlichsten Teil des Landes, wo die Türkei allmählich in den Balkan übergeht. Er, der von Haus aus Percussionist ist, hat Zigeunermusiker zusammengesucht, mit ihnen gejammt, ein Ensemble namens Trakya All Stars geformt, das die Musik der Region spielt. In Istanbul ist das nicht auf Anhieb bei allen angekommen – hey, Burhan, haben sie gesagt, bist wohl selbst ein Zigeuner geworden! Doch einer wie Burhan Öcal macht sich nichts aus dem Gerede der Leute. Er ist mit diesen Klängen groß geworden und weiß, worum es geht. Man muss Respekt haben, Verständnis für kulturelle Eigenarten, "die Zigeuner sind die Schwarzen der Türkei". Die Behutsamkeit eines Restaurators sei bei der Zusammenarbeit vonnöten gewesen, sagt er und malt dazu Pinselstriche in die Luft. Dass sein Haus-DJ, ein Mann namens Smadj, dem Ganzen nachher einen hauchzarten elektronischen Anstrich gegeben hat – wie gesagt, so sind halt die Zeiten.