Das Beste aus zwei WeltenSeite 3/3
Das Istanbul dieser Tage ist eine Großbaustelle, im ideologischen wie im buchstäblichen Sinne. Am Ende der Istiklal Caddesi, wo Beyoglu steil zum Bosporus hin abfällt, entsteht gerade eine neue UBahn-Station; im kommenden Jahr soll sie fertig sein, dann wird der Renommierbezirk mit seinen Clubs und Kneipen noch leichter zu erreichen sein. Den Bewohnern von Kasimpasa, dem bis vor kurzem noch übel beleumundeten Viertel der Matrosen und Hafenarbeiter ein paar Kilometer nördlich, wurde ein nagelneues Fußballstadion zwischen die alten Gassen geklotzt. Und drunten in Galata, wo einst die Schiffe nach Westen Fracht aufnahmen, hat in einer ehemaligen Lagerhalle, die bereits die Kunstbiennale beherbergte, das Istanbul Museum of Modern Arts eröffnet. Es heißt, Erdogan habe das Gelände der Szene und den Sponsoren ohne jegliche ideologische Vorgabe zur Verfügung gestellt – unter der einzigen Bedingung, dass das Objekt bis zum 17. Dezember, dem Stichtag für die Entscheidung in Brüssel, eröffnet haben muss. Jetzt können Besucher sich davon überzeugen, dass sämtliche Strömungen der westlichen Moderne auch bei den Künstlern des Landes ihren Widerhall gefunden haben.
»Was wir erleben, ist der Umbau der Stadt von einem Produktions- zu einem Dienstleistungszentrum«, sagt Vasif Kortun, »die Entwicklung verläuft ähnlich wie in Berlin.« Kortun, ein Mann mit modischer Fünftageglatze, weiß, wovon er redet, er hat die Istanbuler Kunst-Biennale von 1992 betreut, zahlreiche Ausstellungen im Ausland kuratiert, jetzt leitet er die junger türkischer Kunst gewidmete Galerie Platform in bester urbaner Lage. Für Leute, die immer noch das Gespenst des Islamismus an die Wand malen, hat er kein Verständnis. Längst sei die Entwicklung hin zu einer postreligiösen Gesellschaft unumkehrbar, sagt er ein wenig unwirsch, und wer dies leugne, sei entweder ein Ignorant oder ein ewiger Provinzler.
Ständig auf die Zugehörigkeit der Türkei zum Kreis der zivilisierten Nationen angesprochen zu werden, und das hier in Beyoglu – Vasif Kortuns Gesicht verzerrt sich angewidert, als würde er von einer schweren inneren Kolik erschüttert. Er öffnet die Jacke und zeigt sein T-Shirt. » Welcome to Europe « ist dort auf blauem Grund über dem europäischen Sternenkranz zu lesen, die Arbeit eines befreundeten Künstlers. Im nächsten Moment dreht Kortun sich grinsend um. Auf dem Rücken steht in denselben Buchstaben: »And now go home«.
- Datum 17.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.02.2005 Nr.8
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