"Egoismus zeigt sich in der unglückbringendsten Form, im Wunsch des Individuums, sich unendliche Zeit hindurch zu behaupten."

Schopenhauer. "Die Welt als Wille und Vorstellung"

Als wäre das gestern gewesen. Und dabei sind es schon wieder 100 Jahre her, ich lebte in Hamburg, wobei "leben" ein bisschen viel behauptet ist. Alle vegetierten vor sich hin in dieser Stadt, die damals war wie Heidi Kabel, in Grünspanmessing eingefasst, alles, und es gab nichts zu hassen. Damals gab es noch nicht mal Amerika. Man hätte alles gekonnt, aber keiner wollte. Es war der Frieden vor den Dotcom-Idioten, das einzige Feindbild waren Therapeuten und deren Klienten. Also fast jeder. Da suchten sie nach einem Sinn und malten Chakrenbilder und verfluchten ihre Mütter, studierten 78 Semester, waren aber mit Anfang 30 zu jung für jede Festlegung. Die Jugend war unendlich, nicht auf eine bauchfreie äußere Art wie heute, sondern mehr so ganz tief drinnen. Auf einmal waren dann alle in Eppendorf verschwunden oder nach München desertiert, sie machten ein Kind und einen Beruf und Zehntausend im Monat, und die Haare wurden grau.

Die Eltern der vergrauenden Jugend besaßen alle ein Haus, irgendwo, meist in Krefeld, sie hatten es mit ihren Händen erarbeitet, das Erbe wartete, keiner machte sich Sorgen, außer darum, wo er einen guten neuen Therapeuten finden konnte. Da dachten wir noch im vergangenen Jahrzehnt, dass wir die Welt allein durch unseren Willen formen könnten, und auf einmal, wie über Nacht, scheinen alle Gesetze nicht mehr zu gelten. Meine Freunde von damals sehen beschissen aus. Sie sehen ALT aus. Sie leben in drolligen Patchworkfamilien, und es geht ihnen gut, falls sie Akademiker im Staatsdienst sind (das ist gelogen, solche Freunde habe ich nicht), und manchen geht es auf einmal erstaunlich schlecht. Sie sind Ende dreißig (so nennt man sich heute als Vierzigjähriger) oder Anfang dreißig und arbeitslos. Oder sie haben fünf Jobs und mussten sich wohnungsmäßig gerade ein wenig verkleinern, oder sie sind gerade entlassen worden, ihre Firmen sind Bankrott gegangen, und das sind die ersten Anzeichen einer desolaten Gesellschaft, der Verarmung der Mittelschicht. Die materielle Welt zwingt uns scheinbar ihren Willen auf, und die Verunsicherung resultiert aus der Idee, dass wir privilegiert seien und erwachsen wurden mit der absurden Idee, alles erreichen zu können, wenn wir nur recht wollten (beziehungsweise wenn wir nur recht aussähen).

Und nun: Alles nicht mehr wahr. Nie gab es in den letzten 40 Jahren so viele arbeitslose gut ausgebildete Dreißig- bis Vierzigjährige mit keinen Zukunftsaussichten im Stellenmarkt. Wie paralysiert sitzen hunderttausend Menschen in den besten Jahren inmitten eines Albtraumes, aus dem sie hoffen zu erwachen. Nix da, aufgewacht wird nicht.

Dass es kein Anrecht auf Wohlstand und Glück gibt, weiß kaum einer. Dass die menschliche Exis-tenz nicht zwangsläufig eine Versorgungsgemeinschaft mit der Welt bedeutet, wird manchen erst sehr, sehr langsam klar. Alles, worauf wir glaubten ein Anrecht zu haben, existiert nicht mehr. Nicht mehr für die meisten auf jeden Fall. Und doch denken viele, dass es sich nur um eine vorübergehende Konjunkturschwäche handelt. Sie suchen die Schuld bei Regierung, Überalterung der Gesellschaft, Terror und Klimaveränderung. Die Wahrheit scheint jedoch vielmehr, dass in Deutschland eine jahrtausendealte Normalität wieder einkehrt, die in den meisten Ländern Europas schon lange besteht: der Kampf um die Existenz. Und das macht, weil es völlig neu ist, erst einmal Existenz-angst, deren Basis das verschwommene Ahnen der Endlichkeit ist.

Und: Es geht noch viel, viel schlimmer. Es geht obdachlos, unter Brücken, mit offenen Stellen und in Gülle tauchen nach leeren Colaflaschen. Es geht verhungern und sich totschlagen wegen fünf Euro, es geht noch mehr Depression. Na ja, das vielleicht in Deutschland nicht.