Seine Signalworte, wenn er Augen und Blicke zweifelhafter Charaktere beschrieb, waren: grau, eisgrau, eisengrau. Fast könnte man sagen: Diese drei abschätzenden Vokabeln grundieren die Skepsis seines gesamten Werks. Und sie bezeugen zugleich die Faszination des Erzählers Alfred Andersch für dieses Monochrom von hartem, undurchdringlichem, prüfendem Grau, das irgendwie auch mit ihm selbst zu tun hatte. Wenn man Fotos von ihm sieht, so hat man kein Schwarzweißbild vor sich, sondern ebenfalls einen Kopf ganz in Grau, in einem kantigen Grau, ein streng umrissenes, stählernes Gesicht.

Besonders das berühmte Porträt von Isolde Ohlbaum ist eine Orgie in Grau, von den dichten kurzen Haaren bis zum grauen Ringkragenpullover; aber auch das Gesicht grau, von abweisendem Grau; die Pfeife im Mund, als ginge es nur um ein Requisit fürs Schweigen; dazu der Blick, an der Fotografin vorbei, geladen mit Fremde, Abweisung, Desinteresse. Und doch das Ganze die Inszenierung eines Mannes, der sich selbst und seine Erfahrungen versammelt: Alfred Andersch, graue Verkörperung eines Intellektuellen; Einzelgänger, der vom Gegenüber absieht, der Moralist mit der Miene von Unbewegtheit. Da hatte einer von seinen Vorbildern Camus, Faulkner, Hemingway nicht nur Schreibart und Lakonik übernommen, sondern, so scheint mir, auch Gesichtszüge, Profilschnitt, mimische Kontur. Und als er sich später einmal unter ein Denkmal Diderots setzte, sah er diesem ähnlicher als irgendeinem deutschen Schriftsteller. Aufklärer in Eisgrau.

Vor 25 Jahren, in der Nacht vom 20. auf den 21. Februar, ist Alfred Andersch, nach Jahren einer schweren Nierenkrankheit, gestorben. Jetzt kommt, wie ein repräsentatives, aber auch appellierendes Epitaph, eine zehnbändige Neuausgabe seines Werks heraus und mit ihr die Aufforderung des Herausgebers Dieter Lamping: "Es ist an der Zeit, Alfred Andersch neu zu lesen."

Was aber heißt das? Wie liest man diesen Autor neu? Als Thomas Mann 25 Jahre tot war, hat Andersch den früher von ihm verehrten und in einem großen Aufsatz (Thomas Mann als Politiker) gefeierten Schriftsteller neu gelesen (oder vielleicht eher beiseite gelegt) und seine alte Begeisterung kategorisch abgetan: "Beispielsweise ist mir der Thomas-Mann-Aufsatz heute ganz unerträglich geworden; die Notwendigkeit, ihn öffentlich und in aller Form widerrufen zu müssen, ist eine der wichtigsten Aufgaben, die ich noch in diesem Leben vor mir habe." So stand es, Zitat aus einem Brief an Fritz J. Raddatz, 1979 in der ZEIT. Und schon einige Jahre vorher hatte Andersch im Blick auf Thomas Manns lebenslange Repräsentationsgier seine Abkehr deutlich gemacht: "Ich nehme die Verleihung eines Literaturpreises an mich zum Anlaß zu erklären, daß ich nichts zu repräsentieren wünsche, und daß der bloße Gedanke daran, die von mir verfaßten Texte eigneten sich zur Repräsentation, mich veranlassen könnte, meinen Beruf aufzugeben. Ich bin fest entschlossen, die Freiheit meines Berufs gegen alle Ansprüche, er möge etwas repräsentieren, mit Zähnen und Klauen zu verteidigen."

Wie liest man Andersch neu? Wie sollte man einen Autor so gänzlich neu bewerten, dem man ja nicht mit der gleichen Leidenschaft von Sympathie verfallen konnte, wie er selbst Thomas Mann verfallen war? Der ja erkennbar nie auf Sympathie aus gewesen ist? Wie liest man das Werk eines Provokateurs neu, wenn es nicht mehr provozieren kann, weil ja die Provokation zum historischen Augenblick gehört und mit ihm verjährt? Und weil sie nunmehr, im doppelten Sinn, eingebunden ist in den Kontext Gesammelte Werke und in blaues Leinen? Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, Andersch so gegen den Strich zu lesen, wie er in seinen letzten Jahren Thomas Mann las? Wie kann man von dem Andersch sprechen bei einem Autor, der, indem er sich treu blieb, ungeheuer wandelbar war, der von sich geradezu höhnisch bekannte: "daß auch Schriftsteller Wesen sind, die sich entwickeln"?

Die Haft in Dachau – traumatischer Vorrat für immer

Andersch hatte sich ja eher nicht entwickelt, sondern eingesponnen, zurückgezogen; er war vom Wortführer und Promotor der jungen deutschen Nachkriegsliteratur zum Einsiedler in der Schweiz geworden, vom Insider des Kulturbetriebs und von einem omnipräsenten Sprecher des europäischen Diskurses zum dezidierten Außenseiter – nur dass er aus dem Refugium im Tessiner Berzona dann Funken des Zorns schießen konnte wie mit seinem Gedicht Artikel 3 (3) gegen den Radikalenerlass; einem Text, der die bundesdeutsche Öffentlichkeit 1976 so aufgewühlt hat wie vorher nur Rolf Hochhuth mit seinem Stellvertreter. Andersch neu lesen: jetzt mit mehr Verständnis für sein Lob des Generals Ludendorff ("ein Künstler des Schlachtfeldes"), für seine Ernst-Jünger-Schwärmerei, sein frühes Carl-Schmitt-Interesse?

Große Editionen wie diese bringen Ordnung in ein Lebenswerk, gliedern und sortieren es nach Gattungen – Romane, Erzählungen, Essays –, spendieren auch den Gedichten und Nachdichtungen eigene Bände, separieren Autobiografisches; aber sie verwischen auch Zusammenhänge, trennen Motivketten, reißen Erinnerungsgeflechte auseinander. Das führt bei Alfred Andersch dazu, dass die Ausgabe zugleich ein Leselabyrinth ist, in dem man sich, dank der Querverweise der Kommentatoren, wie ein Spurensucher zurechtfinden kann.