Ob man mit 48 ein alter Knacker ist oder noch ganz knackig, hängt nicht allein ab von der persönlichen Konstitution. Es ist auch eine demografische Frage. In einem fortpflanzungsarmen Land müssen die Älteren immer jünger werden, um die Gesellschaft in der Balance zu halten. Der Schriftsteller Joachim Lottmann hat dieses Phänomen am eigenen Leib erfahren, weshalb er in Die Jugend von heute nicht nur selbige beschreibt, sondern sich selbst gleich mit.

"Ich war der letzte lebende Teenager", erkennt er auf Seite 48 seines Buches. "Ich hatte es noch erlebt: Petting, Matratzenpartys, Pink Floyd, Liebesbriefe, nackt im Wald liegen und sich stundenlang in die Augen schauen."

Schön war die Zeit! "Derartiges ist der Jugend von heute ganz und gar unbekannt. Das kennen sie noch nicht einmal aus dem Kino. Sieht man sich die zehn erfolgreichsten Filme der aktuellen Woche an, so ist nicht nur kein Liebesfilm darunter. Auch in den Actionfilmen sind zunehmend die weiblichen Rollen gar nicht mehr besetzt. Es sind gänzlich homosexuelle Filme. Selbst der brutalste Western früher – wahrlich ein homoerotisches Genre – hatte noch Platz für die eine weiße, blonde Frau, um die sich alles drehte. In Men In Black IV laufen nur noch männnliche Lederfetischisten durchs Bild. Im Publikum sitzen die 13- bis 19jährigen Scheidungskinder der vaterlosen Gesellschaft. Was würden die wohl dazu sagen, wenn ich denen erzählte, wie es früher war? Ist es nicht ganz einfach meine Pflicht vor der Geschichte, es zu versuchen?"

Los, Onkel Jolo, erzähl! Und so erzählt der Autor seinem Neffen Elias von früher und der, Anfang 20, dem Onkel von heute. In die heißen Nächte Berlins kann er ihn sogar mitnehmen. Das ungleiche Paar, das zwei recht verschiedene Jugenden repräsentiert, stürzt sich ins Clubleben, onkelseits immer mit dem Wunsch nach Verständnisgewinn.

Dabei herausgekommen ist zweifelsohne das Sachbuch der Saison, kaum Handlung, prallvoll mit Fakten. Lottmanns Anwälte (er beschäftigt die besten Kanzleien) müssen ihm deshalb geraten haben, es als Roman herauszubringen – falls doch mal dies oder das nicht stimmen sollte, wie zum Beispiel der Name der taz- Chefredakteurin "Effi Miko", die "natürlich immer auf jugendlich getrimmt" war, "mit blauer Perücke und künstlichen Zahnlücken und so", "aber eigentlich war sie schon über 60 und liebte ihre Enkel, die Reitstunden bekamen".

Was lässt sich sagen über die Jugend und den Jolo von heute? "Die Jugend von heute war komplexer und somit intelligenter als frühere Jahrgänge. Sie war interessanter. Sie war auch emotional weiter entwickelt." Leider schwimmt sie in "der Ursuppe der Unbildung". Sternzeichen bedeuten ihr mehr als Politik. "Mein Vater war Politiker, in der FDP", sagt Onkel Jolo auf Seite 53 zu einer schönen, jungen Freundin und krönt die Information mit der Nachfrage: "Du kennst doch die FDP?"

"Natürlich", sagt die Freundin.

Überhaupt die Frauen. Neffe Elias schwärmt für zierliche, kleine Biester. "Frauen mußten bei ihm immer den Kindskörper einer 13jährigen haben, die Frechheit einer frühreifen Schlampe, die Überlegenheit einer Yale-Professorin und die Grausamkeit einer rumänischen Ex-Diktatorengattin. Seltsamerweise traf dieser Mix auf die meisten Mädchen zu, die herumliefen oder die er kennenlernte. Es mußte sich um ein Phänomen unserer Zeit handeln. Ich hatte keine Chance, ihr Interesse zu erregen."