Der letzte lebende TeenagerSeite 2/2
Onkel Jolo wüsste noch was mit den jungen Dingern anzufangen; nichts verwundert ihn mehr, als dass der Neffe und seine Freunde es nie so richtig zum Äußersten bringen. Dafür reden sie unablässig übers »Aufstellen« und »Bohnern« neuer Liebschaften.
Aber in der Theorie sind sie dem Onkel überlegen. So hat Elias ausgerechnet, das optimale Alter einer neuen Freundin wäre 15: »Wenn ich jetzt mit ihr zusammenkomme, ist sie in zehn Jahren immer noch gut in Schuß. Zehn Jahre lang Spaß, und sie ist trotzdem erst 25. Von der hat man doch echt was!« Da kann Jolo nicht widersprechen: »Ich wünschte, ich könnte das von meiner Freundin auch sagen. Aber als ich mit ihr zusammenkam, war sie schon 28 Jahre alt.«
So geht es 320 Seiten lang. Es wird viel getrunken, auch mal Viagra genommen (»Insgesamt 22 Geschlechtsakte hatten Spuren des Todes in mein Gesicht gegraben«, Seite 210), es gibt einen Unheiligen Abend in der Kommune von Rainer Langhans in München, und dann geht es sogar mit dem Nachtzug bis nach Wien, in eine Stadt, die den Autor auf Seite 234 vermuten lässt: »Wahrscheinlich wurde hier der Geschlechtsverkehr noch richtig vollzogen.« Doch, oje, im Kaffeehaus sind alle jungen Frauen »durch große, fleischige, breite Bogennasen entstellt. Was nutzten da die drei großen und neun kleinen Kronleuchter! Die Mädchen wurden dadurch nicht schöner. In Deutschland wäre längst die AOK eingeschritten und hätte kosmetische Operationen angeordnet, anständig abgerechnet und bezahlt. Aber wozu meckern? Die Tische waren aus Marmor, die Sofas und Sessel gut gepolstert, die Zeit blieb stehen, und die Jugend von heute, die mich so gequält hatte, war wie vom Erdboden verschwunden!«
Nach dem Zuklappen des Taschenbuches mögen die Leser (und mehr noch die Leserinnen) grübeln: Was war das? Was soll das? Was lehrt uns das?
Nun, Onkel Jolo, der sich selbst als »Hulebeck auf deutsch« versteht, ist eine chauvinistische Klatschtante, die auf Kosten aller Beteiligten von Pointe zu Pointe jagt und dabei irgendwie jetztzeitig klingt. In diesem irgendwie liegt Lottmanns Schwäche. Bei aller Mitteilsamkeit gebricht es ihm letztlich an Mitteilung. So steht sein unterhaltsames Buch nach Lektüre nicht neben Houellebecq, sondern nur neben Stuckrad-Barre.
Die Jugend von heuteBelletristikRomanJoachim LottmannBuchKiepenheuer & Witsch2004Köln8,90320- Datum 17.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.02.2005 Nr.8
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