Das weiße Holzhaus an der kleinen Landstraße im westlichen Hügelland von Connecticut sitzt wie immer behäbig hinter den hohen Tannen. Alles ist wie immer. Alles ist anders. Arthur Miller ist tot. Mannigfaltige Erinnerungen hat jeder von uns, der ihn über Jahrzehnte als Nachbarn und Freund kennen gelernt hat. Auch wenn man vergaß, dass er einer der bedeutendsten amerikanischen Dramatiker des 20. Jahrhunderts war, beeindruckten allein schon die große, breitschultrige Statur, die riesigen Hände, die tiefe, heisere Stimme, die nach einer Pointe kurz aufgluckste und das markige Gesicht in kleine Wellen legte.

Episoden, Bilder, Erinnerungen: Niemand mehr wird mir beim Abendessen so viele schöne Geschichten über die Verrücktheiten der Mitmenschen erzählen, sich so böse über die eine oder andere republikanische Regierung auslassen oder über die Engherzigkeit der Menschheit überhaupt. Aber immer hörte er auch gerne zu. Wer in sein Haus kam, der musste etwas erzählen, aus möglichst vielen Ländern, möglichst vielen Wissensgebieten. Einem Buschpiloten stellte er genauso viele Fragen wie einem Dissidenten aus dem Prag der siebziger Jahre. Die Anbautechnik des Kornfeldes seines Nachbarn interessierte ihn mehr als eine aufgewärmte Musical-Produktion am Broadway. Ihm kam es auf die Eigenart eines geistigen oder körperlichen Handwerks an.

"Wenn ich nicht mehr schreiben könnte, würde ich verrückt"

Diese immer währende Neugier hat ihn jung und produktiv gehalten. Noch im 89. Lebensjahr ging er täglich in seine Schreibhütte, etwa 80 Meter vom Haupthaus entfernt. Kurz bevor der Blasenkrebs im Herbst des vergangenen Jahres diagnostiziert wurde, fand die Premiere seines neuesten Theaterstücks in Chicago statt. "Wenn ich nicht mehr schreiben könnte, dann würde ich verrückt", hat er oft gesagt. Die Angst vor dem geistigen Niedergang ließ ihn nach dem Tod seiner dritten Frau vor drei Jahren die Schreibdisziplin eisern aufrechterhalten. Ein Morgenmuffel wie alle Theaterleute, begann er seinen Arbeitstag nie vor zehn Uhr, kurz unterbrochen nur von meistens einer Suppe. Inge Morath, die aus Graz stammende, in Darmstadt und in Berlin aufgewachsene Fotografin, hatte ihm mit österreichischer Nonchalance 40 Jahre lang ein Haus der offenen Tür geführt. Sie arbeiteten gemeinsam an Büchern wie etwa über Russland, über das Leben in Neuengland oder die chinesische Erstaufführung vom Tod eines Handlungsreisenden in Peking. Inge hatte neben sechs anderen Sprachen auch noch Chinesisch gelernt. Arthur, der seinem Brooklyn-Akzent ein Leben lang treu geblieben war, bewunderte ihr Sprachtalent. Er selbst wollte die Sprache seines Berufs nie verlassen, aus gutem Grund.

Wenn man wissen wollte, woran er gerade arbeitete, kam immer nur die lapidare Antwort "some piece", irgendein Stück. Erst wenn es schwarz auf weiß im Druck vorlag, las er manchmal vor; vor allem die kleinen Geschichten über seine Dackel und Schäferhündinnen oder über das Frühlingsritual des Säens und Anpflanzens im Garten, dem man noch im vorangegangenen Herbst feierlich abgeschworen hatte. Wenn er sich über sich selbst lustig machte, was über die Jahre seltener wurde, dann war man im kleinen Himmel, mit Inges Apfelstrudel noch obendrein.

Die große Lachgesellschaft fand allerdings beim Tennisdoppel statt. An den Wochenenden, über viele Jahre, spielten Richard Widmark, der Schauspieler und Nachbar, und mein Mann Friedel gegen das "H+A-Team". Das waren Arthur und ich. Er stand am liebsten immer am Netz, die langen Arme wie Flügel ausgebreitet, und feuerte mich an der Basislinie laufend an: " Barbara, hate and aggression!" Er trug immer eine Baseballmütze, lange bevor dies zur Tennisprofiausrüstung gehörte.

Einmal in all den Jahren brachte er sogar Bälle mit. Wir waren erst einmal sprachlos, bis sich herausstellte, dass er die uralten, für den Müll bestimmten Dosen in einem bei ihm abgestellten Kleinlaster gefunden hatte. Als Kind der großen Wirtschaftsdepression in den dreißiger Jahren – sein einst in der Mantelfabrikation erfolgreicher Vater war pleite gegangen – blieb er sein Leben lang ein Pfennigfuchser. Wenn Inge zwei Saatguttütchen brachte, dann wurde sie von ihm daran erinnert, dass höchstens eins davon im Garten Platz fände. Ein Nachbar erzählt, dass er immer über Millers tiefe Taschen und kurze Arme gestaunt habe, wenn es im Restaurant ans Zahlen ging.

Gegeben hat er auf einer anderen, wichtigeren Ebene: als Schriftsteller und Dramatiker, aber auch als nie versiegende Stimme im Kampf um die Liberalität zu Hause und in der Welt. Während die erste in den USA geborene Generation der jüdischen Immigranten aus Osteuropa häufig aus Anhängern Trotzkijs oder der kommunistischen Internationale bestand, schlug Arthur Millers jugendliches Herz nie linker als das eines Sozialdemokraten – amerikanischer Prägung natürlich. Und während mancher ehemalige Trotzkist heute zur neokonservativen Truppe gehört, wie etwa Norman Podhoretz oder Midge Decter, ist Arthur Miller seiner Linie immer treu geblieben. Auch wenn es gar nicht genehm war. Er ließ sich nicht unter Druck setzen. Von niemandem. Auch nicht von Senator McCarthys Kommitee für unamerikanische Umtriebe, vor dem Leute wie etwa der berühmte Regisseur Elia Kazan als Denunzianten auftraten. Miller, auch wenn er erst gegen Ende der Kommunistenjagd zum Verhör nach Washington beordert wurde, verweigerte jegliche Aussage über Freunde und Kollegen. "Marilyn hatte mich voll unterstützt und wollte unbedingt an meiner Seite auftreten", schrieb er in seiner 1987 erschienenen Autobiografie Zeitkurven.