Nach nur 20 Minuten stehen alle Zeichen auf Skandal. "Proleteninszenierung!", schreit es aus dem Dunkel, mitten hinein in eine Arie. Der Statist mit dem Eimer schwarzer Farbe auf der Leiter hat sein "Fuck Egypt" nicht mal zu Ende schreiben können. Noch hat das Hamburger Premierenpublikum mehr als dreieinhalb Stunden grandioser Musik und eine grelle Geschichte von Liebe, Sex, Verrat, politischer Ranküne vor sich. Doch eine Zuschauerin hat schon genug gesehen. Ruft – und raus. Die Sänger: geschockt. Mit Beifall vom Rest des Publikums finden sie zurück in den Takt. Ein Opernabend in Deutschland.

Eine der mehr als 600 Premieren pro Jahr hierzulande, Giulio Cesare in Egitto, Georg Friedrich Händels Hit über die Liebes- und Staatsaffäre zwischen Caesar und Kleopatra, Karten von 6 bis 146 Euro, ausverkauft. Im Zuschauerraum viel gediegener Hanseatenschick, auf der Bühne Reizwäsche und goldene Badehauben. Vier Stunden Kampf der Kulturen, auf der Bühne zwischen Römern und Ägyptern, aber auch zwischen Bühne und Publikum. Unten die, die in die Oper gehen, weil sie die Zumutungen des Alltags vergessen wollen, Graffiti, sexuelle Gewalt, weltmachtgeile Politiker. Oben die Sänger, Musiker, die im Auftrag der Regie zeigen, dass die uralte Kunstform Oper nur dann noch lebt, wenn sie mit dieser hässlichen Gegenwart etwas zu tun hat.

Wie viel Arbeit nötig ist für vier Stunden Unterhaltung, Aufregung, Empörung, Aufklärung ahnt da unten im Publikum kaum jemand. Oper ist die aufwändigste, langwierigste, schwerfälligste, teuerste Kunstform der Welt. Wann genau die Geschichte dieses Cesare eigentlich begonnen hat, ist heute mit Sicherheit nicht mehr zu sagen. Irgendwann 1999 muss es gewesen sein, vor fast sechs Jahren also. Da beschließt Louwrens Langevoort, der designierte Intendant der Hamburgischen Staatsoper, zukünftig in jedem Frühjahr eine Barockoper zu geben. Die wurden hier lange nicht gespielt, obwohl Hamburgs Oper, gegründet 1678, eine Hochburg dieser Musik war und sie inzwischen anderswo äußerst populär geworden ist, bei der Konkurrenz in München zum Beispiel. Da will Langevoort nun gegenhalten. Selbst seine engsten Mitarbeiter muss er dafür erst begeistern; bei Barock denken viele nur: "Nähmaschinenmusik".

Sommer 2002: Louwrens Langevoort, als Intendant inzwischen im Amt, entscheidet: Am 13. Februar2005, 280 Jahre nach der Hamburger Premiere des Stücks, machen wir Cesare. Eine prophetische Entscheidung, möchte man heute meinen, denn das Stück erzählt vom Imperialismus und den Folgen, dem Auftritt der zivilisierten Römer bei den vermeintlichen Barbaren Ägyptens, von den unkalkulierbaren Risiken einer Fremdherrschaft – lauter Kommentare zur amerikanischen Außenpolitik der nächsten Jahre. Doch Langevoort will kein Orakel sein. "Ich wollte einfach nur den besten Händel haben", sagt er rückblickend, "niemand kann wissen, was in drei Jahren aktuell sein wird."

Und doch ist er ein Mann, der den Kopf stets in der Zukunft hat. Jedenfalls, wenn er mit seinem Haus international konkurrenzfähig sein will. Oper auf Spitzenniveau ist ein hart umkämpfter Markt, wie im Fußball buhlen die Topteams aus London, Paris, Zürich, München oder eben Hamburg um die Stars der Branche, die Sänger, Regisseure, Dirigenten. Und die sind über Jahre ausgebucht. Dabei weiß Langevoort zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, wie sein Etat in der Spielzeit 2004/05 aussehen wird. Oper ist Langstrecke, Kulturpolitik denkt in Haushaltsjahren und an die nächste Wahl.

56,5 Millionen Euro beträgt der Gesamtetat der Hamburgischen Staatsoper, dafür liefert sie in jeder Spielzeit Neuproduktionen von wenigstens vier Opern und zwei Balletten und stemmt rund 250 Aufführungen. Etwa ein Viertel der Kosten, 15 Millionen Euro, spielt das Haus selbst ein, der Rest sind, abgesehen von wenig Sponsorengeld, öffentliche Zuschüsse. Als "Risikoprämie, die Grenzerfahrungen möglich macht" sehen das die Macher. Sie wollen keine "bereits existierenden Klischeebilder über Oper" bestätigen, Mozart mit Zopfperücke und Händel in Schnallenschuhen spielen. Das ist keine Kunst, sondern Kunsthandwerk.