oper Nicht zählen. Fühlen! Fühlen!!Seite 10/10
10. Februar 2005: Der goldene Vorhang ist verschwunden, der Orchestergraben abgesenkt, auf dem Regiepult liegen Kekse und Apfelsaft. »Ruhe!«, ruft Alessandro De Marchi, die Orchesterhauptprobe beginnt. Jetzt soll, muss eigentlich fast alles fertig sein, ein halbes Dutzend Fotografen und zwei TV-Kameras machen schon die Bilder, die vom Stück um die Welt, in jedem Fall um die Alster gehen sollen. 40 Minuten läuft alles glatt, dann plötzlich Unterbrechung. Cornelia, die sich eben noch theatralisch in eine Bretterbude erbrochen hat, ist nun tatsächlich schlecht geworden. Ein Arzt muss her, 20 Minuten Ratlosigkeit. Ein Korepetitor springt ein, vom Bühnenrand singt er die Stimme ein, eine Hand in der Hosentasche. Muss für die Premiere Ersatz gesucht werden? Derweil wird immer noch am Licht herumgeschraubt, werden über Mikrofone und Kopfhörer Wünsche und Befehle durchs ganze Haus geschickt. Nur Thilo Reuther ist entspannt. Rechtzeitig ist gekommen, was ihm für sein Bühnenbild noch fehlte: zwei Plastikkrokodile, auf den letzten Drücker ersteigert bei eBay, für 29 Euro.
11. Februar 2005: »Wenn es bei der Generalprobe keine Panne gibt, dann sicher bei der Premiere«, hatte der Technische Direktor einen weltweiten Opernaberglauben zitiert. Cornelia ist wieder einsatzfähig, der goldene Vorhang auch. Zum Glück klemmt einer der Fliegenpilze, zu langsam schwebt Kleopatra hinab, um aus den Fäden der Liebe einen Strick zu spinnen. Nun kann bei der Premiere nichts mehr schief gehen.
13. Februar 2005: Ganze fünf Minuten Verspätung leistet sich die Staatsoper, nach jahrelangen Vorbereitungen. Um 17.05 Uhr gleitet der schwarze Vorhang lautlos nach oben, die ersten Zuschauer schütteln bereits den Kopf. Das soll ihr geliebter Händel werden? Er wird es. Noch einmal haben die Sänger 20, 30 Prozent zugelegt. Routiniert haben sie manche Probe mit halber Kraft hinter sich gebracht, jetzt spielen und singen sie voller Lust. Ein Ensemble, für das Oper kein Museum, sondern pralle Gegenwart ist. Zwölf Minuten dauert der Schlussapplaus, ein paar Buhs inklusive. »Das ist doch lebendiges Theater«, sagt der Intendant. Ein Opernabend in Deutschland. Ein Triumph.
- Datum 17.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.02.2005 Nr.8
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