oper Nicht zählen. Fühlen! Fühlen!!Seite 9/10

1. Februar 2005: Vor einer Woche hat sich Monika Bruggaier die Noten für Cesare zum ersten Mal flüchtig angeschaut, und heute beginnen die Orchesterproben. »Händel ist nicht schwer«, sagt die erste Geigerin und Konzertmeisterin, »das spielt man eigentlich vom Blatt.« Von Alessandro De Marchi hatte sie eine Stimme mit genauen Anweisungen für alle Details bekommen. Auf dieser Grundlage hat sie inzwischen für alle Streicher die so genannten Striche eingerichtet – festgelegt, wann der Bogen auf- und abfährt über die Saiten. Auswendig wird Monika Bruggaier das Stück, anders als die Sänger, nie können, »dafür ist unser Repertoire einfach zu groß«. In rund 30Stücken wird sie eingesetzt, in zehn Diensten pro Woche, von denen jeder im Schnitt drei Stunden dauert. Schöne Arbeitszeiten. »Ich hab da kein schlechtes Gewissen«, sagt Bruggaier. »Jetzt werde ich dafür entlohnt, was ich beim Üben schon als Kind an Lebenszeit investiert habe.«

3. Februar 2005: »Das ist der Tag, für den ich mir immer schon mal ein T-Shirt machen lassen wollte: Ich bin an allem schuld«, sagt Henrike Bromber. Jetzt zeigt sich, welche Perücke rutscht, welche Hose lächerlich ist. Nicht nur für die Kostümbildnerin, für alle ist die Klavierhauptprobe die Schlüsselstelle. Zum ersten Mal kommt alles im großen Haus zusammen: Bühnenbild, Licht, Kostüme, Maske. Aus den Sängern werden endlich Figuren, Kate Aldrich trägt einen Caesaren-Bart, Aleksandra Kurzak ist eine ägyptische Königin der Nacht. Nur die Musik ist noch nicht komplett, im Orchestergraben sitzen nur Harfen, Cembali, Celli, Kontrabässe, Lauten und Theorben, barocke Saiteninstrumente mit Hälsen so lang wie Besenstile.

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Am Regiepult in den Reihen 10 und 11 herrscht Rudelbildung. Das Regieteam und Vertreter sämtlicher Abteilungen machen sich im fahlen Licht abgeklebter Lampen Notizen: Wer steht an der falschen Stelle? Wann rumpeln die Requisiten zu laut? Wo fehlt in den Obertiteln ein Komma? »Ein wunderbarer Moment«, sagt Louwrens Langevoort, der in Anzug und Schlips erschienen ist, um zu sehen, was er sich da eingekauft hat, »egal, ob es langweilig oder ein Brüllkonzert wird«.

Für Karoline Gruber ist es der »schlimmste Tag«. Zum letzten Mal hat sie die Oberhoheit über das Stück, kann so oft unterbrechen, wie sie will; alle weiteren Proben »gehören« dem Dirigenten. Täuscht es, oder ist sie blasser, schmaler geworden in den vergangenen Wochen mit lauter 16-Stunden-Tagen? Ein goldener Lametta-Vorhang hinter Kleopatras Badewanne blendet zu sehr. »Ich will da oben Gesichter sehen!«, ruft Gruber. »Thilo, du bist der Bühnenbildner, lass es dir hinbauen!« – »Das wird nicht funktionieren«, sagt der Lichtdesigner. Die Zeit ist knapp, das Geld verbraucht, die Nerven liegen blank. Auf dem Regiepult steht jetzt eine Flasche Bier, alkoholfrei. »Das ist eine Riesenbaustelle, nicht wahr?«, sagt der Intendant ganz entspannt. Zehn Tage noch.

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