Es ist wie im Märchen vom Aschenputtel. Ein König verliebt sich ins Kindermädchen, er macht es zu seiner Königin, und als er stirbt, erbt sie sein Reich. So liest sich die Geschichte der Friede Riewerts aus Oldsum auf Föhr, die 1965 in den Dienst der Familie Springer trat und heute als Mehrheitseignerin an der Spitze des größten deutschen Zeitungsverlages steht. Als Axel Caesar Springer 1985 starb, war sein Verlag ein Risikounternehmen. Dem legendären Gründer gehörten noch 26,1 Prozent, der Rest lag bei Burda, bei Leo Kirch und diversen Kleinaktionären. Von Krankheit und Mutlosigkeit gezeichnet und von einer ans Psychopathische grenzenden religiösen Schwärmerei ergriffen, hatte der Todkranke die Geschäfte einer eitlen, in sich zerstrittenen Managerkaste überlassen und seinen letzten Willen nicht einmal mehr rechtskräftig ausgefertigt. Dieses Erbe trat Friede Springer an.

Inge Kloepfer, Autorin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, hat den Weg der Witwe mit Sachverstand und Neigung zur Kolportage detailreich beschrieben. Und der Leser darf vermuten, dass ihm Urteil und Stimmung der Hauptperson auch in jenen Passagen begegnen, die nicht als wörtliche Rede gekennzeichnet sind. Friede Springer hatte sich schon 1988 in einem Gespräch mit dem ZEIT- Kolumnisten Ben Witter einer Camouflage bedient. Er schrieb, was sie sagte, und gab es – ihrer Bitte entsprechend – als seinen eigenen Einfall aus. So ist auch diese Biografie keine historische Aufbereitung der Unternehmensgeschichte, sondern eine Zeugenaussage, aber die wichtigste.

In der Männergesellschaft von Jasagern, die der egomanische Springer um sich versammelt hatte, galt Friede als Dummchen vom Lande, und die Herrenriege glaubte, sie nach Springers Tod ebenso leicht lenken zu können, wie der Verleger es selbst getan hatte. Sie war seine Geliebte, Wirtschafterin und Hausdame, sie war Krankenpflegerin, einfühlsame Psychologin und fromme Gefährtin bei der Suche nach göttlicher Erleuchtung – und seit 1977 die fünfte Ehefrau des Medienmoguls. Erschütternd liest sich, wie sie in den ersten Jahren ihrer Beziehung in einer luxuriösen Hamburger Wohnung auf Springer wartete, während der allein auf seinen Abendgesellschaften glänzte, dann, wieder daheim, Monologe hielt – und sie ihr Unwohlsein mit dieser demütigenden Lebenssituation verdrängte, weil sie sich sonst hätte eingestehen müssen, dass sie "das Leben einer Maitresse führt, deren Wohl und Wehe von ihrem Gönner abhängt".

Aus der Jungmädchen-Bewunderung für den Menschenumgarner Springer aber entwickelte sich über die Jahre eine gegenseitige Hingabe, deren emotionale Tiefe Friede Springer die Kraft gab, nach dem Tod ihres Mannes Widerstände zu brechen und Aggressoren zu trotzen. Herausforderungen gab es genug. Das Haus Springer war eine Managerbereicherungsanstalt. Ein Geisterzug geschasster Führungskräfte entzog dem Unternehmen über die Jahre 120 Millionen D-Mark an Abfindungszahlungen, und was Bild heute geißelt, hatte bei Springer ein Vorbild. So kassierte Günter Prinz bei seinem Ausscheiden 17 Millionen D-Mark und kehrte nach einem Ausflug zu Burda für ein Millionensalär wieder an die Vorstandsspitze zurück. Und im Vorhof der Macht kaufte Leo Kirch Aktienpaket um Aktienpaket, um den Verlag endlich zu dominieren.

Schritt für Schritt beschreibt die Autorin in diesem Wirtschaftskrimi, wie Friede Springer sich die Macht im Verlag zurückerobert. 1988, einen Tag bevor Kirch und Burda ihre Aktienmehrheit ausspielen wollen, setzen die Springer-Erben die Millionenschaukel in Gang. Sie kaufen den Anteil der Burda-Brüder für 530663 Millionen D-Mark zurück. Fünf Jahre zuvor haben die Offenbacher gerade die Hälfte bezahlt. Doch bald begehren Springers Kinder und Enkel gegen die unbequeme Miterbin auf – bis sie die Familienmitglieder auszahlt und deren Anteile übernimmt. Nur Kirch sitzt ihr noch wie ein böser Kobold im Nacken. Er ist stark geworden auch durch Springers alte Weggefährten Peter Tamm und Günter Prinz. Die haben ihre Aktienpakete klammheimlich an den Hausfeind aus München verscherbelt. Erst als Kirch vor den Trümmern seines Imperiums steht, ist Friede Springer am Ziel. Sie wird mit klarer Aktienmehrheit wieder Herrin im Springer-Haus.

Die Biografie beschreibt die Verzweiflung, die Ängste und Tränenausbrüche der Vereinsamten, die all die Kenntnisse und Kniffe, mit denen sie in diesem Haifischbecken überleben und agieren konnte, erst mühsam erlernen musste. Aber mit ihrer friesischen Dickschädeligkeit und ihrem Sendungsbewusstsein gelingt es ihr. Dennoch ist das Buch nicht ohne Soupçon. Unverständlich und fast schon ehrenrührig sind die Vorwürfe gegen den langjährigen Aufsichtsratsvorsitzenden Bernhard Servatius. Er war lange der einzige Mann in Springers Abnick-Truppe und hatte sich mutig, wenn auch erfolglos gegen den verhängnisvollen Börsengang ausgesprochen, mit dem das Elend begann. Später begleitete er Friede Springer als Testamentsvollstrecker und Aufsichtsratsvorsitzender bei den Aufräumarbeiten zurück an die Spitze. Dass gerade er zunächst an sich und erst in zweiter Linie an den Verlag gedacht haben soll, wird an vielen Stellen des Buches behauptet, aber niemals schlüssig belegt. Er ist in seinen Ämtern sicher nicht ärmer geworden, aber bereichert an Springer haben sich viele – vor allem Deutschlands teuerste Anwälte, denen die Kabalen in und um den Verlag jahrzehntelang üppige Einkommen bescherten.

Und nun, 2005: Ist der Verlag "Friede Springer" noch der Verlag "Axel Springer"? Axel Springer, so urteilte sein Biograf Michael Jürgs Mitte der neunziger Jahre, "war ein König, dessen Reich nach dem Tod verfiel". Friede Springer hat diesen Verfallsprozess nicht nur gestoppt, sie hat den Verlag wieder zukunftssicher gemacht – mit einem Mann ihres Vertrauens an der Spitze, Mathias Döpfner. Axel Springer war Visionär. Sie ist eine ökonomisch taktierende Unternehmerin. Springer gab auch journalistisch den Ton an und litt – je weiter er sich vom Redaktionsalltag entfernte – "wie ein Hund darunter, daß manches in meinen Blättern steht, womit ich überhaupt nicht einverstanden bin". Er sprach von Bild. Friede Springer hält Distanz zu den Redaktionen und "mischt sich nicht ein", bilanziert Inge Kloepfer. Persönliche Vorlieben sollen sich in ihren Zeitungen nicht widerspiegeln, aber dennoch: "Ihre freundschaftliche Verbindung mit Angela Merkel mag den einen oder anderen Chefredakteur dazu veranlassen, vorsichtiger mit der Dame zu verfahren. Das nimmt sie in Kauf, in ihrem Sinne ist es nicht." In diesem Sinne und mit Blick auf die Chefredakteure mag sich auch manch anderer, der von den Journalisten des Hauses gebeutelt wurde, eine "freundschaftliche Verbindung" zur Verlegerin wünschen – zum Beispiel Sibel Kekilli oder Gerhard Schröder. Pech gehabt! Der Platz ist besetzt. Angela Merkel wird nicht zur Seite rücken. Warum auch – bei einem Verlag, der so viel hilfreiche Meinungsmacht hat.