Er habe aus Mitleid gehandelt. Seine moralische Verpflichtung sei es gewesen, so notierte der Krankenpfleger Stephan L. im Gefängnis, ein Leben, das ihm nicht mehr lebenswert erschien, zu beenden. Der heute 26-Jährige "ist dringend verdächtig", zwischen Februar 2003 und seiner Verhaftung im Juli 2004 insgesamt 29 Menschen getötet zu haben. Nachdem Anfang des Monats die Untersuchung von 42 exhumierten Leichen abgeschlossen wurde, stellte die Staatsanwaltschaft jetzt einen neuen Haftbefehl aus. Dem Pfleger werden sechs Fälle von Mord, 22-mal Totschlag, eine Tötung auf Verlangen und ein Fall der gefährlichen Körperverletzung zur Last gelegt. Ein grausiger Rekord; im Krankenhaus der Stadt Sonthofen hat sich vermutlich die größte Tötungsserie der deutschen Nachkriegsgeschichte zugetragen.

"Mitleid" als Tatmotiv gab auch ein Ende vergangenen Monats wegen vielfachen Mordes in Luzern verurteilter Pfleger an. So oder ähnlich formulierten bisher die meisten Täter, die in den vergangenen Jahren wegen Mordes am Krankenbett überführt wurden (siehe Kasten). Lassen sich solch ungeheuerliche Taten wirklich durch eine pervertierte Form des Mitleidens erklären? Oder haben jene Medien Recht, die das fehlgeleitete Krankenpersonal als "Todesengel", "Totmacher" oder "Todespfleger" dämonisieren und ihr Handeln als bar jeder menschlichen Norm darstellen?

Für Karl Beine sind beide Erklärungsmuster falsch. "Die Einordnung der Täter als Monster geht ebenso an der Realität vorbei wie das behauptete Tötungsmotiv Mitleid", sagt der Psychiater und Psychotherapeut der Universität Witten/Herdecke, der zugleich Chefarzt am Marienhospital in Hamm ist. Niemand in Deutschland kennt vermutlich dieses düstere Kapitel der Krankenhauswelt besser als er. Seit vielen Jahren befasst sich Beine mit dem psychologischen Hintergrund von Pflegermorden – ein Interesse, das nicht von ungefähr kommt. Denn auch in jener Klinik in Gütersloh, in der er bis 1988 praktizierte, arbeitete ein Pfleger, der dort später 19 Menschen tötete. Darunter waren einige von Beines ehemaligen Patienten. "Ich war unglaulich geschockt", erinnert sich der Psychiater. Von da an wollte er vor allem eines: eine Art Frühwarnsystem entwickeln, um solche Taten schon im Vorfeld zu verhindern.

Seither untersuchte Beine insgesamt 27 Fälle von Serientötungen an Patienten in Heimen und Krankenhäusern weltweit, durchforstete Akten, analysierte psychologische Gutachten und fasste die Ergebnisse in einem Buch zusammen (Sehen – Hören – Schweigen; Lambertus-Verlag, Freiburg). Dabei kam er zu einem schockierenden Schluss: Hinter den Tötungsserien steht nicht nur ein irregeleiteter Mensch, sondern auch ein bestimmter sozialer Kontext. "Die Gesellschaft delegiert stillschweigend eigene Handlungsimpulse an solche Leute", formuliert Beine anklagend. Daher sähen sich die Täter häufig als die selbst ernannten Vollstrecker des vermuteten Mehrheitswillens. "Möglich, dass diese Menschen in einem anderen beruflichen Umfeld gar nicht delinquent geworden wären."

Der Täter kann sich durchaus sozial engagieren – etwa für Schwerbehinderte

Kann also jeder Pfleger, jede Schwester zum potenziellen Täter werden? Sicherlich nicht. Natürlich weiß auch Beine, dass bestimmte Menschen für solche Taten besonders anfällig sind. "Selbstunsicherheit und Selbstmitleid" kennzeichneten die Mörder. In den Gesundheitsberufen treffe man häufig Menschen, die in besonderer Weise unsicher seien und darum beherrscht würden von dem Bedürfnis nach Würdigung ihrer ideellen und moralischen Qualifikation. "Sie möchten, dass man ihren Handlungen altruistische Motive unterstellt." Im Berufsalltag bleibt den Helfern allerdings genau diese Bestätigung meist verwehrt. Stattdessen werden sie immer wieder mit ihrer eigenen Ohnmacht und vermeintlichen Inkompetenz konfrontiert.

Diese desillusionierenden Erfahrungen führen laut Beine zu einem Mechanismus, den er "projektive Identifikation" nennt: Die Trennung zwischen dem eigenen leidenden Ego und dem leidenden Patienten verschwimmt. Daher muss alles getan werden, um die Patientensituation, die als unerträglich gefühlt wird, zu beenden. "Schließlich werden die Mittel der Medizin benutzt, wenn schon nicht das Leid, so doch wenigstens den Leidenden abzuschaffen."

Die Mittel dazu sind für Krankenhauspersonal meist problemlos verfügbar. Der Serientäter in Sonthofen etwa konnte sich jederzeit am Medikamentenschrank bedienen. Er verabreichte seinen Opfern zuerst einen Tranquilizer oder ein Narkotikum, um Schmerzempfinden und Bewusstsein auszuschalten. Dann gab er ein Mittel, das zum völligen Erschlaffen der Muskulatur, auch der Atemmuskeln, führt. Der so "Behandelte" starb schmerzlos und schnell. Doch nicht alle Täter gingen so "schonend" vor. Viele injizierten Luft in die Venen ihrer Opfer – die daran qualvoll starben. Und in Wien fand eine Methode Anwendung, die im Täterjargon "Mundpflege" heißt: Mit einem Spatel wird der Zungengrund des Opfers nach unten gedrückt und so der Schluckreflex blockiert. Dann wird Wasser in den Mund des Opfers gegossen, das schließlich daran erstickt.