Aus dem Archiv: ...Rainer Einenkel?
Er glaubte an die europaweite Solidarität der Opel-Mitarbeiter. Jetzt muss der Chef des Bochumer Betriebsrat für das eigene Werk kämpfen - und damit auch gegen die Kollegen an anderen Standorten
Es war einmal eine Zeit, da half zwar nicht das Wünschen, wohl aber das Kämpfen. Die Linke verstand den Konflikt zwischen Kapital und Lohnarbeit als Nullsummenspiel – was die eine Seite gewann, verlor die andere und umgekehrt. In jene Zeit fiel auch das Jahr 1973, in dem der 19-jährige Elektrikerlehrling Rainer Einenkel Jugendvertreter im Opel-Werk Bochum wurde. Er besuchte Lehrgänge der IG Metall, lernte das Nullsummenspiel, und bald organisierte er sich politisch links, ganz links, bei den Moskau-Treuen. Kein sonderlich exotischer Werdegang im Ruhrgebiet von damals, schon gar nicht bei Opel Bochum, wo die DKPisten im Betriebsrat stark waren.
Heute sitzt Einenkel dem Bochumer Opel-Betriebsrat vor. Und alles ist anders als früher.
Das Betriebsratsbüro zum Beispiel. Das alte erinnerte an einen Umkleideraum, das neue könnte der Personalabteilung gehören, stünden da nicht die zwei Megafone. Aus »der Partei« ist Einenkel längst ausgetreten; das war 1988, in der Gorbatschow-Zeit (»Gerade noch rechtzeitig, um den Zusammenbruch der DDR zu begreifen«). In eine neue Partei hat es ihn nicht verschlagen.
Verändert haben sich die Konflikte. In diesen Tagen kämpft die Belegschaft um die Fortsetzung des kapitalistischen Produktionsprozesses in Bochum – »Man kann natürlich fragen, was daran links ist«, sagt Einenkel. Er redet, ohne die Sprachmelodie des Reviers anzuschlagen; der Betriebsratschef kann nicht verleugnen, dass er aus dem Erzgebirge stammt: Ein Jahr vor dem Mauerbau (»Ebenfalls gerade noch rechtzeitig«) flüchtete die Familie in den Westen, zog von Auffanglager zu Auffanglager, um schließlich in Bochum zu landen. Dort wurde gerade das Opel-Werk hochgezogen; Einenkels Vater war von Anfang an dabei. Aufbauzeit.
Die Jetztzeit ist anders gestimmt. Das zeigt sich bereits an den unbeholfenen Propagandablättchen der Werksleitung, farbigen DIN-A4-Bögen aus Bürokopierern, die hier und da angepinnt sind: Ergebnisse von Führungsworkshops und Präsentationen, die »jeden Opelaner« zur Pflege industrieüblicher Tugenden auffordern. Selbstbewusstein ist das nicht, was sich da präsentiert. Aber woher sollte es auch kommen? Auf dem Bochumer Gelände beschäftigt Opel derzeit 9400 Menschen; binnen zweier Jahre sollen es nur noch 5300 sein – oder doch 6500? Die Unternehmensleitung gibt nichts Präzises heraus, vielleicht weiß sie es ebenso wenig wie Rainer Einenkel.
Der hat schwere Tage hinter sich. Der Opel-Vorstand hat ihm kürzlich Pläne für den Standort vorgestellt. »Zunächst die gute Nachricht«, hatte Einenkel tags darauf im Betriebsrat sagen müssen, und allen war klar, dass viel Gutes nicht folgen würde. Gut sei lediglich, dass der Vorstand die volle Auslastung des Dreischichtbetriebs bis Ende 2006 zugesagt hatte. Drei Schichten solle es danach zwar auch bis 2010 geben, »aber ohne Volumenzusage«. Möglicherweise also mit weniger Leuten. Und über 2010 hinaus bliebe Opel nur in Bochum, wenn dort auch ein neues Modell gebaut würde – das wiederum hinge davon ab, wie die Bochumer im Wettbewerb mit anderen Werken der Konzernmutter General Motors dastünden, deren Produktionsspektrum dasjenige aus dem Ruhrstandort überlappt: Gliwice (Polen), Ellesmere Port (England), Antwerpen (Belgien).
- Datum 17.02.2005 - 13:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | 4 | Auf einer Seite lesen
- Quelle (c) DIE ZEIT 17.02.2005 Nr.8
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:



