Regensburg, ausradiert
Am Ende dieses Berliner Abends, nachdem die Stadt Regensburg von der Bühne aus beschimpft, rituell ausradiert, in Schutt und Asche gelegt und von der Landkarte der sinnvollen Städte gestrichen worden war, strömten die angereisten Honoratioren Regensburgs ins Foyer der Berliner Volksbühne, mischten sich im Hochgefühl, den heiklen Ausflug doch relativ heil überstanden zu haben, unter die Einheimischen und ließen sich mit diesen die mitgebrachten Spezialitäten schmecken. Eine Blaskapelle blickte über ihre Instrumente hinweg dem alternativen Bolle-Publikum furchtlos ins Auge - und der Regensburger Oberbürgermeister bedankte sich bei den Berlinern für die Aufmerksamkeit. Man habe, sagte er noch, ein wenig mehr Provokation bekommen, als man erwartet habe.
All das, man muss es sagen, hatte von Regensburger Seite Stil und Größe: Regensburg war nach Berlin gekommen, um für seine Bewerbung zur Kulturstadt Europas 2010 Reklame zu machen, und man hatte sich zu diesem Zweck einen Abend in der Volksbühne unter Leitung des Regisseurs Christoph Schlingensief spendiert. Regensburg hat auf seinem Weg zur Kulturstadt Europas schon die konkurrierenden Städte Amberg und Augsburg in den Staub geworfen. An Schlingensief aber kam Regensburg nicht vorbei. Schlingensief als Werber für Regensburg zu engagieren erwies sich als eine Absurdität, die nur vergleichbar gewesen wäre mit einem Versuch der Stadt Amberg, den Schriftsteller Eckhard Henscheid als ihren Lobredner zu verpflichten - Henscheid aber hat schon vor Jahren eine umfangreiche Schmähschrift auf Amberg verfasst, und so kam man in Amberg gar nicht auf die Idee.
Schlingensief nun wieder hat zwar keine Schmähschrift auf Regensburg verfasst, aber es ist sein Prinzip, sich Umarmungen von Auftraggeberseite nur zum Schein gefallen zu lassen. Wer ihn einlädt, hat flugs etwas im Haus, das er so bald nicht mehr los wird: irgendwas zwischen Trojanischem Pferd, Pest und spanischer Inquisition, nämlich DIE KUNST, die dann macht, was sie will.
Herr Wagner in Bayreuth hat es schon erfahren und schien hinterher doch glücklich, dabei gewesen zu sein.
Auch Regensburg wird bald wieder lachen können. Keine Chance Regensburg hieß der sicher nicht wiederholbare Abend, der aus Christoph Schlingensiefs Programm Kunst und Gemüse erwuchs und uns Regensburg ordnungsgemäß als spießiges, selektiv sich erinnerndes, um den Ehrenbürger Hitler herum formatiertes Verdrängernest präsentierte, welches wenigstens einmal in seiner Existenz etwas Sinnvolles tun und das Geld für die Kulturhauptstadtbewerbung lieber in die Erforschung der Muskelkrankheit ALS stecken sollte. Regensburg hat sich alles in Würde angehört - der Stadt ist zuzutrauen, dass sie sich die Sache überlegt. Schlingensief indes, ein Mann des Westens, hat sich auf die Seite des Ruhrgebietes geschlagen. Noch aus der Regensburg-Kulisse heraus rief er, Regensburg schnöde verratend, seinen Kulturstadt-Favoriten aus: Essen für Alle!
- Datum 17.02.2005 - 13:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 08/2005
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