entführung Nicht in unserem Namen
Hoffnungsvolle Zeichen: Die arabische Zivilgesellschaft findet zusammen im Kampf für die Freilassung einer westlichen Geisel
Eine Welle der Solidarität für Giuliana Sgrena beginnt die arabischen Medien zu erfassen. Hat es überhaupt schon einmal eine solche bunte Koalition gegeben – von der Kommunistischen Partei des Iraks über algerische Feministinnen bis zum ägyptischen Scheich Tantawi, als Imam der ägyptischen Universität al-Azhar die größte theologische Autorität der Sunniten? Das ganze Spektrum der arabischen Zivilgesellschaft findet im Kampf um die Freiheit der -Mitarbeiterin zusammen.
Zwischen Basra, Beirut und Algier haben sich in der vergangenen Woche zahlreiche Journalisten, Künstler, Intellektuelle, Menschenrechtsaktivisten und Geistliche mit eigenen Appellen für die Freilassung der entführten Reporterin eingesetzt. Zwar wird in den Aufrufen immer wieder in den Vordergrund gestellt, dass Giuliana Sgrena eine Kriegsgegnerin und »Freundin des irakischen Volkes« sei. Aber bemerkenswert ist auch, wie weit manche dabei die arabische Selbstkritik treiben. So prangert Jihad Fakhreddine im Beiruter Daily Star die »Blindheit der so genannten Feiheitskämpfer im Irak« an, die nicht erkennen, welch ein »Glück für das irakische Volk« die »Gegenwart von Menschen wie Giuliana« bedeute. Fakhreddine warnt davor, dass die Entführungen ein »ohnehin schon negatives Bild der Araber im Westen verstärken«, und prangert die Trägheit der offiziellen Medien der arabischen Welt an.
Umso bemerkenswerter ist die neue Politik des wichtigsten arabischen Satellitensenders al-Dschasira, der in der Vergangenheit heftig kritisiert wurde, weil er sich zum Sprachrohr der Terroristen mache. Erstmals hat der Sender nun – in Kooperation mit Il Manifesto – ein Video ausgestrahlt, das die Entführer zur Freilassung ihrer Geisel auffordert. Auch Abu Dhabi TV hat sich in eigenen Beiträgen wiederholt mit dem Schicksal Sgrenas und den Sorgen ihrer Angehörigen beschäftigt.
Die beiden Satellitensender können sich nicht leisten, das neu erwachende Selbstvertrauen einer arabischen Zivilgesellschaft zu ignorieren, die nicht länger hinzunehmen bereit ist, dass Terroristen sich anmaßen, in ihrem Namen die Sache der Freiheit zu vertreten. Am vergangenen Mittwoch brachte die südirakische Zeitung al-Manara einen gemeinsamen Appell von 25 irakischen Organisationen heraus, darunter Theaterleute, Schriftsteller und politische Vereinigungen von den Kommunisten bis zu national gesinnten Allawi-Anhängern.
Der Rektor der Universität Basra verurteilte die Entführung in einem persönlichen Aufruf in der Zeitung al-Madad. Und Scheich Hussein al-Subei von der Universität Bagdad erinnert in seinem Appell an das alte islamische Verbot, »den Überbringer einer Nachricht zu töten, sei es einer guten oder einer bösen«. Wie damals die Boten, so seien heute die Journalisten zu schützen, »die Tausende Schwierigkeiten auf sich nehmen, um der Welt die Wahrheit über uns zu berichten«.
Der palästinensische Journalisten- und Schriftstellerverband hat einen Appell verfasst, in dem die Ehre des palästinensischen Widerstands gegen die ruchlosen Entführer verteidigt wird, die Schande über die Araber bringen. Ganz ähnlich argumentiert auch der Generaldirektor der algerischen Presseagentur APS, Nasser Mehal, der in einem Manifest erklärt, der »Angriff auf die körperliche Unversehrtheit von Journalisten ist kontraproduktiv für die irakische Sache und kann nur der Propaganda der Feinde des Iraks, der arabischen Welt und des Islams dienen«.
Manchem klingt diese Argumentation noch zu narzisstisch und verschwörungstheoretisch: Tariq Ramadan, der einflussreicher islamistische Vordenker der frankophonen Muslime, sieht sich zu der Klarstellung veranlasst, die Entführung sei »nicht nur zu verurteilen, weil Giuliana Sgrena immer an der Seite des irakischen Volkes gestanden hat«. Entführungen seien vielmehr »allgemein abzulehnen«, weil sie »gegen die Freiheit, gegen jede Ethik, gegen den Islam sind«. Mag sein, dass es zu dieser Klarstellung nicht eines Verbrechens bedurft hätte – erfreulich ist sie allemal.
- Datum 17.02.2005 - 13:00 Uhr
- Serie sgrena
- Quelle (c) DIE ZEIT 17.02.2005 Nr.8
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