Kiel/Lübeck

Der Hausherr hat gerade angefangen zu erklären, warum Schleswig-Holstein, agrarisch und konservativ geprägt, seit nunmehr 17 Jahren von der SPD regiert wird. Er hat über den "grundliberalen Zug" des Landes gesprochen und über die Unlust der Friesen, Knechte zu sein. Da unterbricht ihn das Klingeln des Telefons. "Moin", meldet sich Björn Engholm. Am anderen Ende ist, offensichtlich erregt, sein Weinhändler. Engholm versucht ihn zu beruhigen: "Heide hat ein lockeres Mundwerk. Das hat sie sicher wie immer unbedacht gesagt."

Schleswig-Holstein, das schöne Land zwischen den Meeren, hat viele Arbeitslose und noch mehr Schulden. Dennoch sind es eher Kleinigkeiten, die die regierende SPD und ihre Spitzenkandidatin in den vergangenen Wahlkampfwochen beschwert haben. Auf der Grünen Woche in Berlin hatte Heide Simonis über den Lübecker Rotspon gespottet, französischen Rotwein, der in der Hansestadt von alters her gelagert wird und dadurch veredelt werden soll. Eine Spezialität, finden die Lübecker, jedenfalls diejenigen unter ihnen, die den Wein verkaufen. "Ein ungenießbares Gesöff", sagte Heide Simonis auf der Grünen Woche. Der Rotspon schmecke, als werde er noch immer in alten Heringsfässern aufbewahrt.

Seit fast zwölf Jahren regiert Heide Simonis in Schleswig-Holstein, seit 1996 in einer rot-grünen Koalition. 1988 hatte Björn Engholm sie als Finanzministerin in sein Kabinett geholt. Bis dahin war Simonis Bundestagsabgeordnete gewesen. Liest man noch einmal nach, was damals über sie geschrieben wurde, sind alle Motive bereits vorhanden, die sie bis heute begleiten: Die Frau, die sich in einer klassischen Männerdomäne profiliert, aber um Himmels willen keine Quotenfrau sein will; eine linke Sozialdemokratin, die früh mit der Frage konfrontiert wird, was denn an ihrer Haushaltspolitik überhaupt noch sozialdemokratisch sei; und vor allem: die vorlaute, schnoddrige, stets etwas schrille Figur mit der besonderen Neigung zu Hüten, Ringen und altem Trödel.

30 Damen mit Hut tragen Reime auf die "sehr verehrte First Lady" vor

Bettina Gaus hat einmal in der tageszeitung über Simonis geschrieben, jedes Image werde "im Laufe der Jahre auch zum schützenden Paravent". Simonis selbst hat bei Gelegenheit bemerkt, wie schwer es ihr lange Zeit gemacht worden sei, politische Botschaften zu platzieren. Stets hätten "mehr oder minder dekorative Äußerlichkeiten" im Mittelpunkt gestanden, immer wieder sei es um ihre "persönlichen Eigenarten und Vorlieben" gegangen.

Auch in diesem Wahlkampf dominiert das Image. Doch diesmal sind es Simonis und ihre Berater selbst, die die Äußerlichkeiten aufdringlich in den Mittelpunkt rücken. In Meldorf wird die Ministerpräsidentin mittags von den Mitgliedern des dortigen "Hutclubs" emfangen. 30 Damen stehen vor dem Gasthof "Zur Linde" Spalier und tragen Reime auf die "sehr verehrte First Lady" vor. Abends sitzt die Ministerpräsidentin an einem kleinen Holztisch auf der Bühne des Ballhauses Tivoli in Heide (Dithmarschen) vor einer Kulisse, die einen Leuchtturm, ein Windrad und ein reetgedecktes Bauernhaus zeigt. Auch hier haben die Werber auf einem Kleiderständer einige besonders ausgefallene Hüte platziert. Ausführlich plaudert Simonis über Simonis, über ihre Ehe, ihre Macken und die Reaktion von Schröder, wenn sie mal wieder eine Erhöhung der Mehrwertsteuer fordert ("Der Kanzler, der quietscht dann immer"). Ein freundlicher Moderator, der normalerweise im Deutschen Sportfernsehen kommentiert, liefert die Stichworte.

Er: "Frau Simonis, Sie sind seit zwölf Jahren im Amt und noch immer die einzige Ministerpräsidentin."