So britisch wie die Queen

Hunderennen, Fußball, Regentropfen - auf der Insel wird um alles gewettet

Terry Page starrt auf seine Notizen. Vor ihm auf dem Tisch liegen kleine Papierzettel, eng beschrieben, sauber gestapelt. Geistesabwesend rückt er sie immer wieder zurecht und zündet sich eine neue Zigarette an, während die alte im Aschenbecher verglimmt. Der Lautsprecher sagt: Two minutes - noch zwei Minuten bis zum Start.

Es ist Samstagabend auf der Hunderennbahn in Walthamstow, einem Vorort von London. Terry Page zieht seinen alten Körper aus der Bank und schiebt sich durch die Menschenmenge zum Schalter. Er setzt fünf Pfund auf einen Sieg des Hundes mit der Nummer zwei, Graigue Wren. Dann schlurft er zurück an seinen Tisch, nippt an seinem Bier. Noch eine Minute.

Die Glocke tönt. Ende der Wettannahme. Die Zuschauer richten ihre Blicke auf die Rennbahn. Der Hase wird losgelassen - ein Plüschtier, das an einer Schiene entlang der Rennbahn davonsaust und den Hunden als Köder dient. Immer dem Hasen nach, hetzen die klapperdürren Greyhounds um die Sandbahn. Die Menge tobt. Nach knapp 40 Sekunden ist alles vorbei. Die Gewinner holen sich ihr Geld ab, die Verlierer werfen ihre Wettscheine mit großer Geste auf den Boden.

Die Briten lieben das Glücksspiel. In Deutschland waren Wetten immer ein wenig angesehenes Minderheitenprogramm. Hin und wieder bringt ein Vorfall wie der aktuelle Schiedsrichterskandal ein wenig Licht in die Branche. Woraufhin sich die Mehrheit meist kopfschüttelnd abwendet. Anders auf der Insel. Dort ist das Glücksspiel ein Teil des täglichen Lebens. Der durchschnittliche britische Haushalt verzockt jedes Jahr rund 500 Pfund, das sind rund 720 Euro. Terry Page zum Beispiel geht seit 50 Jahren auf die Hunderennbahn.

Früher, als meine Frau Rachel noch lebte, sind wir dreimal in der Woche hergekommen, mit all unseren Freunden. Da haben wir nicht nur auf die Hunde gesetzt, sondern auch darauf, wer von uns an einem Rennabend die besten Einsätze hatte.

Wetten ist so britisch wie manikürter Rasen oder die Queen. Jeder tut es, und jeder Einsatz ist erlaubt. Das Magazin Connoisseur behauptete schon 1754, dass es nichts gäbe, ganz gleich, wie trivial oder lächerlich, auf das man nicht eine Wette abschließen könnte. Zur selben Zeit wettete Lord Alrington 3000 Pfund darauf, welcher von zwei Regentropfen an der Fensterscheibe zuerst den Fensterrahmen erreichen würde.

Doch bei aller Lust am Wetten: Auch in England war das Glücksspiel lange mit dem Stigma des Zwielichtigen behaftet. Bis 1963 waren Wetten außerhalb der Rennbahn verboten. Illegale Buchmacher fanden in jenen Jahren an jeder Straßenecke ihre Kundschaft.Dann beugte sich das Gesetz der Wettwut des Volkes. Der Regierung erschien es sinnvoller, das Laster zu legalisieren und so zu kontrollieren. Sie erteilte Genehmigungen an Tausende von Wettbüros.

Mit strikten Auflagen. Möglichst trostlos sollten die Räume wirken. Niemand sollte zum Bleiben verleitet werden. In jeder Kleinstadt, in jedem Stadtteil machten die kleinen, schäbigen Läden auf, die von außen aussahen wie Sexshops. Die Fenster waren verhängt, Männer mit hochgeschlagenem Mantelkragen gingen mit verstohlener Miene ein und aus. Egal ob jemand Bingo spielte, ins Kasino ging oder ins Wettbüro, irgendwie war Wetten außerhalb der Rennbahn sozial halb geächtet, erinnert sich Chris Bell, Geschäftsführer von Ladbrokes, einem der größten Buchmacher im Lande.

Dann, 1994, wurde die staatliche Lotterie eröffnet. Die Regierung hatte berechnet, wie viel Geld sie sparen könnte, wenn sie die Gewinne aus den Ziehungen in Sport- und Kulturprojekte stecken würde. Tatsächlich spielten die Briten binnen zehn Jahren mehr als 17 Milliarden Pfund zusammen. Noch wichtiger aber war, dass die Einführung der Lotterie den Fluch brach, der über dem Glücksspiel hing. Lotto legitimierte die Leidenschaft, der jeder verfallen war, aber von der niemand sprach, erinnert sich Bell. Auf einmal wurde bei jedem Abendessen, in jedem Fußballstadion und an jedem Pubtisch von der Lotterie gesprochen.

Für die großen Buchmacher wurden die Zeiten immer besser. Das Besondere am Geschäft der Buchmacher ist, dass es nicht zyklisch ist, erklärt Roger Jones, Fondsmanager bei der Investmentgesellschaft F&C. Auch wenn die Leute wenig Geld haben, zum Wetten gehen sie immer. Haupteinnahmequelle der Buchmacher blieben lange die Pferderennen. 7,5 Milliarden Pfund werden dort jedes Jahr gesetzt. Wo so viel Geld verrannt wird, wird freilich auch gemogelt. Vor ein paar Jahren rüttelte ein heftiger Skandal an der Integrität des Sports: Ein Netzwerk flog auf, das fast zehn Jahre lang Pferde gedopt und Trainer und Jockeys bestochen hatte. Am Ende hat aber auch dieser Skandal dem Ansehen der Pferderennen nicht geschadet. Noch immer sind sie der beliebteste Fernsehsport - nach Fußball.

Der britische Fußball blieb bisher von Skandalen verschont. Was auch an den Regeln liegen könnte. Anders als in Deutschland darf kein Mitarbeiter des Fußballverbandes, ob Schiedsrichter oder Funktionär, auf den Spielausgang Wetten abschließen. Das steht in den Arbeitsverträgen. Nick Baron, Sprecher der englischen Football Association (FA), ist relativ sicher, dass der englische Fußball clean ist. Gleichzeitig gesteht er aber ein, dass die Versuchung, den Sport zu korrumpieren, durchaus existiert: Englischer Fußball ist ein globales Unterhaltungsphänomen. Auf der ganzen Welt schauen die Menschen die Spiele unserer Teams. Das erhöht natürlich die Gefahr der unlauteren Beeinflussung.

Um ihren Sport zu schützen, hat die FA gerade mit Betfair, dem größten Online-Buchmacher, eine Vereinbarung getroffen. Demnach wird jedes auffällige Wettverhalten sofort gemeldet. Längst kann man bei Betfair nicht nur traditionell Wetten abschließen, sondern auch selbst in die Rolle des Buchmachers schlüpfen. Wer an den Abstieg von Manchester United glaubt, findet bei Betfair seinen Wettgegner. Am Ende behält die Firma zwischen zwei und fünf Prozent Maklerkommission.

Rund vierzig Jahre nachdem die ersten Buchmacher in Londons East End ihre Läden eröffnet hatten, gab die Labour-Regierung 2004 der Volksleidenschaft erneut nach. Spielkasinos, einst ein Privileg der Londoner High Society, sollten sich künftig im ganzen Land verbreiten können, befand die Kulturministerin Tessa Jowell. Sie legte einen Gesetzentwurf vor, der Großbritannien zu einem Spielerparadies machen sollte - mit Riesenkasinos, wie man sie nur aus Las Vegas kennt. Sehr schnell und sehr laut meldeten sich aber Gegner des Gesetzes zu Wort, Kirchen, Heilsarmee und Sozialarbeiter. Sie warfen der Regierung vor, die Ärmsten und sozial Schwächsten in die Abhängigkeit und den Ruin zu treiben.

Tatsächlich ist der Zusammenhang zwischen unbeschränktem Zugang zu Spielmaschinen und Spielsucht längst belegt. Weshalb Emanuel Moran vom Royal College of Psychiatrists der Regierung vorwirft, anerkannte Forschungsarbeit zu den psychologischen Folgen und Begleiterscheinungen von Spielsucht zu ignorieren. Jeder Mensch sei anfällig für Spielsucht, und die aktive Stimulierung führe zu einer impulsiveren Reaktion und dem irrationalen Versuch, Verluste zurückzugewinnen. Vielleicht ist aber auch jede Regierung anfällig für die Versuchung, schnell die Staatskasse zu füllen und zugleich die Wirtschaft anzukurbeln. Die geplante Ausbreitung der Kasinos brächte dem Staat jährliche Zusatzeinnahmen von rund 3,1 Milliarden Pfund, schätzt Neville Topham, Ökonomieprofessor an der Universität Salford. Zudem würden innerhalb der nächsten Jahre, so Tophams Prognose, vor allem die großen Kasinobetreiber aus den USA fünf Milliarden Pfund in Großbritannien investieren und damit bis zu 117 000 neue Arbeitsplätze schaffen.

Beeindruckende Zahlen, doch am Ende ging die Regierung einen Kompromiss ein: Nur 24 statt der geplanten 40 neuen Lasterhöhlen sollen eröffnen.

Zugleich will Labour die Spielindustrie schärfer regulieren. Einarmige Banditen sollen dort verschwinden, wo Kinder ihnen verfallen könnten, Kasinobetreiber sollen pro Jahr drei Millionen Pfund für die Behandlung von Süchtigen bereitstellen.

Terry Page kann die ganze Aufregung nicht so recht begreifen. An diesem Abend auf der Hunderennbahn Walthamstow hat er 100 Pfund gewonnen. Seine Verluste wiegt das bei weitem nicht auf. Trotzdem sagt er versöhnlich: Wetten bedeutet, einen freundlichen Zweikampf mit dem Schicksal aufzunehmen. Davon kann man doch nicht süchtig werden, denn am Ende verlieren wir doch alle.

Anzeige
Schreiben Sie den ersten Kommentar!
    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren
    • Von John F. Jungclaussen
    • Datum
    • Quelle DIE ZEIT, 08/2005
    • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
    • Artikel Drucken Druckversion | PDF
    • Schlagworte
    • Artikel-Tools präsentiert von:

    Service