KONTERREVOLUTION Tore für den DuceSeite 3/3
Nach Di Canios ausgestrecktem Arm sagte Alessandra Mussolini, Enkelin des Duce: »Wie schön, dieser Gruß. Das hat mich sehr bewegt.« Beim nächsten Auswärtsspiel in Florenz taten es die Irriducibili ihrem Idol nach. »Der saluto romano spiegelt unsere Ideen wider«, sagt Fabrizio Toffolo. »Wir gehen schließlich nicht einfach nur ins Stadion, um ein Fußballspiel zu sehen. Wir wollen dort auch unseren politischen Standpunkt zu vertreten. Dabei suchen wir nicht den Anschluss an Parteipolitik. Die Politik sucht ja uns.«
Auf der VIP-Tribüne des Olympiastadions ist Francesco Storace, Roma-Fan, ein ebenso gern gesehener Gast wie Daniela Fini, die Frau des Außenministers, Lazio-Fan. »In unserer Mannschaft spielen keine Schwulen«, hat Daniela Fini mal gesagt. »Das Stadion ist zum Ort ideologischer Auseinandersetzung geworden«, sagt einer der Polizisten, die Sonntag für Sonntag im Olympiastadion wachen. Auf keinen Fall will er seinen Namen gedruckt sehen, ebenso wie römische Sportjournalisten, die sich gut auskennen und bedroht fühlen. »Erst mit Tinte, dann mit Blei«, die Drohung haben Lazio-Anhänger an die Hauswand eines Journalisten gesprüht. Die Polizei beobachtet Toffolo und seine Kumpanen auf Schritt und Tritt. »Direkte Verbindungen zu rechtsextremen Parteien, wie es in der Vergangenheit verbreitet war, können wir derzeit nicht feststellen«, sagt der Polizist. Bei allen Auswärtsspielen sind die Sicherheitsexperten dabei, in ganz Europa. Italienische Tifosi gelten als die neuen Hooligans, »wir müssen herhalten, denn wir sind der Feind, den sie jagen«, sagt der Polizist, »und die Klubs tun nichts, gar nichts, um das Klima zu entschärfen.« Das Olympiastadion wird zur nächsten Saison mit noch mehr Videokameras für die Fanblöcke ausgerüstet, aber ein Fanprojekt gibt es nicht.
Während sich der Präsident des AS Rom, Franco Sensi, von seinen rechtsradikalen Tifosi distanziert und Kapitän Francesco Totti sogar damit droht, seine Heimatstadt zu verlassen, »wenn das hier nicht endlich ziviler wird«, weiß Lazios neuer Patron Claudio Lotito gar nicht, wo denn das Problem liegen soll. Lotito empfängt in seinem Büro an der Via Appia Antica. Eine alte Villa in einem Park mit Pinien und Zypressen. Im Besucherzimmer hängen barocke Gemälde. Der Präsident lässt auf sich warten. Drei Stunden lang. Er hat viel zu tun. Lazio ist nur ein Teil seines Unternehmens. Lotito ist Besitzer einer Dienstleistungsfirma. 2000 Angestellte, die meisten sind Putzfrauen. Als Lotito kommt, telefoniert er. Mit zwei Handys gleichzeitig, eine beeindruckende sportliche Leistung. In ein Handy bellt er etwas, was man lieber nicht übersetzen möchte. Und dem Besuch sagt er: »Stellen Sie Ihre Fragen, wenn Sie welche haben. Ich habe nicht ewig Zeit.«
Deshalb gibt es nur eine Frage: Wieso muss Paolo Di Canio für seinen Hitlergruß keine Geldbuße zahlen? »Das war kein Hitlergruß«, schnaubt Lotito so laut, dass seine beiden anderen Gesprächspartner an den Handys jetzt ängstlich zusammenzucken müssten. »Kein Hitlergruß und kein saluto romano. Di Canio hat das offiziell bekannt gegeben.« Und damit ist der Fall für Sie erledigt? »Was glauben Sie denn?! Die Geste wurde doch nur politisch instrumentalisiert. Man wird doch wohl noch seine Fans grüßen dürfen.« Am selben Nachmittag hebt Di Canio noch einmal den rechten Arm, bei einer Pressekonferenz. »Der Gruß kommt aus dem alten Rom. Und auf das alte Rom bin ich stolz.«
Fabrizio Toffolo ist zufrieden mit dem Präsidenten Lotito: »Wir haben ihm ja grünes Licht gegeben, damit er Lazio übernehmen konnte. Ohne unsere Zustimmung geht das nämlich nicht.« Alle in Rom erinnern sich daran, wie Toffolo zuletzt seine Männer auf die Straße schickte – vor den Sitz des Fußballverbandes Federcalcio, aus Protest gegen eine Schiedsrichterentscheidung im Spiel Parma gegen Juventus. »Wir können denen einen schönen Bürgerkrieg bescheren, wenn wir wollen, und das wissen die«, sagt Toffolo.
Am Sonntagnachmittag wird er sich wie immer von seiner Mutter verabschieden, wenn die ins Stadion geht. Zu Lazio. Mamma Toffolo besucht jedes Heimspiel. Wenn er zur Polizeistation muss, geht sie sich Di Canio anschauen. »Die Mamma sitzt aber nicht in der Kurve«, sagt Toffolo, der Unbeugsame. »Sie hat eine Dauerkarte für die Seitentribüne. Denn seien wir ehrlich: Die Kurve ist kein Platz für eine Signora.«
- Datum 17.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.02.2005 Nr.8
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