Warum habt ihr Angst vor mir?
Akademiker bekommen immer weniger Kinder. Sie sind keine Egoisten. Ihnen fehlt auch nicht das Geld. Sie haben bloß keinen Mut
Nun fangen sie schon wieder an, mit den Instrumenten zu klappern, unsere Familienpolitiker. Noch mehr Betreuung für noch kleinere Kinder wollen die einen. Ein neues, höheres Elterngeld speziell für Akademiker wollen die anderen. Bevor die nächste Runde der nun schon seit vielen Jahren laufenden Debatte anhebt, seien ein paar Bemerkungen erlaubt. Schließlich haben all die Diskussionen nebst den dazugehörigen Maßnahmen nicht zu mehr Kindern geführt, sondern zu weniger. Da liegt doch die Vermutung zunächst mal nahe, dass die Art, wie da geredet, gestritten und geholfen wird, etwas zur grassierenden Kinderlosigkeit beiträgt. Der familienpolitische Diskurs hat offenbar selbst eine verhütende Wirkung. Zumindest auf die Mittelschichten. Den beabsichtigten Effekt erzielte Familienpolitik bisher nur bei ärmeren Familien.
Verwunderlich ist die verhütende Nebenwirkung nicht, denn politische Debatten handeln meist von Problemen. Also wird der Eindruck, Kinder zu haben sei eine enorm schwierige, höchst riskante Angelegenheit, beständig verstärkt. Idealerweise steht am Ende solcher Problem-Debatten eine politische Lösung. Nur hat der Staat mittlerweile nicht mehr viel Geld. Deswegen fallen die Lösungen in der Familienpolitik immer viel kleiner aus als die Probleme. Eine absurde Dynamik entsteht: Je weniger Kinder zur Welt kommen, desto mehr wird über das Problem geredet, desto größer werden die Ängste vor dem Kind, desto weniger helfen die familienpolitischen Maßnahmen. So erzieht sich der Diskurs im Laufe der Jahre infantophobische, hypochondrische Männer und Frauen, die so lange mit der Entscheidung, mit sich selbst und miteinander ringen, bis sie zu alt sind.
Natürlich haben unsere Familienpolitiker die kontrazeptive Nebenwirkung ihrer Debatte mittlerweile registriert. Deswegen rufen sie zwischen Problem Nummer 27, Angst Nummer 8 und Schwierigkeit Nummer 45 immer mal wieder: »Es macht doch auch Spaß, Kinder zu haben!« Spaß!
Ein besonders extremes Beispiel für die verkopfte Überempfindlichkeit im Angesicht der Möglichkeit Kind sind die neuerdings so viel beschworenen Akademiker. Die bekommen nämlich in Deutschland die wenigsten Kinder. Das muss man mal jemand zu erklären versuchen, der nicht in jahrelanger deutscher Familiendebatte geschult ist. Diejenigen Menschen, die relativ viel Geld und die allerbesten Zukunftschancen haben, bekommen die wenigsten Kinder? Seltsam, oder? Kürzlich meinte ein junger FDP-Politiker, hierzulande bekämen die falschen Leute die Kinder. Der Mann soll diese Menschen – er meint die Unterschichten und die Ausländer – mal schön in Ruhe Kinder kriegen lassen und sich ganz der eigenen Klientel zuwenden, den Besserverdienenden und Bessergebildeten.
Was ist mit denen eigentlich los? Nicht nur, dass sie selbst zumeist in einer ziemlich guten Lage sind, um Kinder zu kriegen. Sie leben auch noch in einem der sozialsten und reichsten Länder, die diese Erde jemals gesehen hat. Wenn also etwas nicht klappt mit der Karriere, mit dem Partner oder mit dem Kind, so fällt man in Deutschland selten ins Bodenlose. Anders als früher bedeutet Kinder zu bekommen auch für Frauen nicht mehr notwendig, mehr als die Hälfte der Lebenszeit mit Kinderaufzucht zu verbringen. Die Entscheidung für Kinder heißt bei der heutigen Lebenserwartung, weniger als ein Viertel des eigenen Lebens mit Kindern unter einem Dach zu leben. Und darum so viel Geschrei?
Nun wird immer gesagt, die Leute bekämen keine Kinder, weil sie so vergnügungssüchtig seien. Für diese These spricht nicht viel, besonders wenig bei den Akademikern. Wenn wir heute damit rechnen müssen, so etwa 80 bis 90 Jahre alt zu werden, dann will sich doch niemand im Ernst vornehmen, die ganze Zeit mit dem Cabrio vom Museum ins Gym zu fahren und abends in die Oper. Da muss man doch eher befürchten, sich ohne Kinder und Enkelkinder fürchterlich zu langweilen. Ein einigermaßen weitsichtiger Hedonist würde folglich gern ein paar Kinder bekommen.
Selbstverständlich wollen wir den Verzicht, den es zeitweilig bedeutet, Kinder zu haben, hier ebenso wenig kleinreden wie die Konflikte, die damit verbunden sind. Man schläft weniger, leidet für einige Jahre an partieller kultureller Verblödung, redet abends nur noch über die Kinder und so weiter. Außerdem gibt es viele praktische Probleme, mehr, als in einem Land wie unserem nötig wären. Tatsächlich haben Eltern immer zwei Seelen in der Brust. Sie schmerzt die alltägliche Entscheidung zwischen Arbeit und Kind, zwischen sich und ihnen, es zerreißt und es würgt. Aber was ist das? Das Leben, oder? Verliebt man sich etwa nicht, weil die Scheidungsrate hoch ist? Geht man nicht mehr ins Fußballstadion, weil die Preise so unverschämt sind? Hört man auf, Unternehmen zu gründen, weil es Pleiten gibt? Und nimmt nicht jeder von uns körperliche und seelische Mühen aller Art auf sich, nur um dem Leben ein bisschen Sinn und Abenteuer zu geben?
Wer lieben kann, der kann auch Kinder kriegen
Eines allerdings gibt es bei den Kindern, etwas, das man nicht mehr loswird, sein ganzes Leben lang: die Sorge. Nur, ist es nicht eine rechte Pein, sich ein langes Leben lang fast nur um sich selbst zu sorgen?
Und dann ist da noch etwas, etwas wider den ganzen modernen Perfektionismus am Kind. In diesem ganzen überfrachteten Problem-Diskurs wird eine Tatsache beständig unterschlagen, die entscheidende: Trotz ihrer Zartheit, trotz ihrer wunderbaren Porzellangesichtigkeit und trotzdem jedem die Hand abfallen soll, der ihnen mit Absicht etwas tut – trotz all dem also halten Kinder ziemlich viel aus. Sie halten es aus, ihre Eltern zu selten zu sehen oder zu oft, sie ertragen rauchende Kindergärtnerinnen, sie überstehen überbehütende Mütter oder Väter, sie erholen sich vom Versuch der Dreisprachigkeit ab drei, sie überleben Scheidungen und schlechte Ehen, sie lernen es, glücklich zu sein ohne und sogar mit Geschwistern – solange sie geliebt werden. Die einzig allgemeingültige Regel für das Kinderkriegen in reichen, sozialen Ländern und erst recht bei gut situierten, chancenreichen Menschen lautet: Wer lieben kann, der kann auch Kinder kriegen.
Gute Gründe, keine Kinder zu bekommen, gibt es natürlich. Manche wollen, viele können keine bekommen, andere finden keinen Partner. Das ist alles wahr und legitim. Aber allgemein gesprochen und soziologisch, lautete die Antwort auf die Frage, warum Akademiker in Deutschland keine Kinder bekommen: Sie leiden unter einer bedrückenden Lebensängstlichkeit, die nicht im Materiellen wurzelt. Wer unter Umständen, wie sie in deutschen Akademikerkreisen herrschen, keine Kinder bekommt, dem ist weder mit mehr Betreuung noch mit finanzieller Unterstützung, dem ist mit allem Geld der Welt nicht zu helfen. Das Hauptproblem befindet sich offenkundig im Kopf, es hat die Gestalt eines Knotens.
Könnte man angesichts dessen nicht wenigstens versuchen, die verhütende Wirkung der familienpolitischen Debatte zu vermindern? Schließlich lösen sich die ideologischen Fronten zwischen den Parteien gerade auf. Die Zeiten, in denen die einen die Raben- und die anderen die Vollzeitmütter beschimpft haben, gehen zu Ende. Das Ergebnis all der Debatten liegt auf der Hand: Wahlfreiheit. Ob und wann es für den einen oder die andere besser ist, zu Hause zu bleiben oder bald nach der Geburt arbeiten zu gehen oder mal so, mal so, mal der, mal der – das können die jeweiligen Eltern entscheiden, hoffentlich. Die Politik kann es sicher nicht beurteilen. Man könnte also ab sofort damit aufhören, bestimmte Lebensweisen mit Kindern zu diskreditieren. Was von Vorteil wäre, weil das gebärfähige Auditorium längst zu der Auffassung gekommen ist, dass nicht diese Form, mit Kindern zu leben, besser ist als jene, sondern dass alle Formen ganz, ganz problematisch sind.
Am besten wäre es, die Akademiker würden sich langsam einkriegen mit ihrer Überklugheit und Überängstlichkeit. Und die Politiker würden für eine Weile aufhören, darüber zu reden. Ja, wir glauben noch an Utopien!
- Datum 17.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 17.02.2005 Nr.8
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