Warum habt ihr Angst vor mir?Seite 2/2

Eines allerdings gibt es bei den Kindern, etwas, das man nicht mehr loswird, sein ganzes Leben lang: die Sorge. Nur, ist es nicht eine rechte Pein, sich ein langes Leben lang fast nur um sich selbst zu sorgen?

Und dann ist da noch etwas, etwas wider den ganzen modernen Perfektionismus am Kind. In diesem ganzen überfrachteten Problem-Diskurs wird eine Tatsache beständig unterschlagen, die entscheidende: Trotz ihrer Zartheit, trotz ihrer wunderbaren Porzellangesichtigkeit und trotzdem jedem die Hand abfallen soll, der ihnen mit Absicht etwas tut – trotz all dem also halten Kinder ziemlich viel aus. Sie halten es aus, ihre Eltern zu selten zu sehen oder zu oft, sie ertragen rauchende Kindergärtnerinnen, sie überstehen überbehütende Mütter oder Väter, sie erholen sich vom Versuch der Dreisprachigkeit ab drei, sie überleben Scheidungen und schlechte Ehen, sie lernen es, glücklich zu sein ohne und sogar mit Geschwistern – solange sie geliebt werden. Die einzig allgemeingültige Regel für das Kinderkriegen in reichen, sozialen Ländern und erst recht bei gut situierten, chancenreichen Menschen lautet: Wer lieben kann, der kann auch Kinder kriegen.

Gute Gründe, keine Kinder zu bekommen, gibt es natürlich. Manche wollen, viele können keine bekommen, andere finden keinen Partner. Das ist alles wahr und legitim. Aber allgemein gesprochen und soziologisch, lautete die Antwort auf die Frage, warum Akademiker in Deutschland keine Kinder bekommen: Sie leiden unter einer bedrückenden Lebensängstlichkeit, die nicht im Materiellen wurzelt. Wer unter Umständen, wie sie in deutschen Akademikerkreisen herrschen, keine Kinder bekommt, dem ist weder mit mehr Betreuung noch mit finanzieller Unterstützung, dem ist mit allem Geld der Welt nicht zu helfen. Das Hauptproblem befindet sich offenkundig im Kopf, es hat die Gestalt eines Knotens.

Könnte man angesichts dessen nicht wenigstens versuchen, die verhütende Wirkung der familienpolitischen Debatte zu vermindern? Schließlich lösen sich die ideologischen Fronten zwischen den Parteien gerade auf. Die Zeiten, in denen die einen die Raben- und die anderen die Vollzeitmütter beschimpft haben, gehen zu Ende. Das Ergebnis all der Debatten liegt auf der Hand: Wahlfreiheit. Ob und wann es für den einen oder die andere besser ist, zu Hause zu bleiben oder bald nach der Geburt arbeiten zu gehen oder mal so, mal so, mal der, mal der – das können die jeweiligen Eltern entscheiden, hoffentlich. Die Politik kann es sicher nicht beurteilen. Man könnte also ab sofort damit aufhören, bestimmte Lebensweisen mit Kindern zu diskreditieren. Was von Vorteil wäre, weil das gebärfähige Auditorium längst zu der Auffassung gekommen ist, dass nicht diese Form, mit Kindern zu leben, besser ist als jene, sondern dass alle Formen ganz, ganz problematisch sind.

Am besten wäre es, die Akademiker würden sich langsam einkriegen mit ihrer Überklugheit und Überängstlichkeit. Und die Politiker würden für eine Weile aufhören, darüber zu reden. Ja, wir glauben noch an Utopien!

 
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