Schwarzwaldklinik Kitsch vor der Kamera und Streit dahinter

Traumquote mit kränkelndem Drehbuch und schwachen Darstellern - die Jubiläumsfolge der erfolgreichsten deutschen Serie konnte eigentlich nur enttäuschen

Ende der achtziger Jahre existierte sie noch, die heile Welt. Im Glottertal sorgten engagierte Ärzte für das Wohl ihrer Patienten. Freche Zivis und herrische Oberschwestern lebten Seite an Seite. Gut aussehende Männer legten sich feine Wollpullover um die breiten Schultern und sprangen galant über die Motorhaube in ihr weißes Golf-Cabrio. Herzschmerz, soziale Probleme, Wunderheilungen und das ultimative Erfolgsrezept der Mediziner:
Am Ende wurde immer alles gut.

Zum zwanzigjährigen Jubiläum strahlte das ZDF gestern eine einmalige Zusatzfolge namens Schwarzwaldklinik - Die nächste Generation aus. Doch mit dem alten Erfolgsrezept ließ sich diesmal keine zufriedenstellende Wiedergeburt der Serie herstellen.

Die Handlungsfäden waren so geradlinig und absehbar wie die Fäden einer sauber vernähten Operationsnarbe. Ein stark gealterter Dr. Brinkmann (Klaus-Jürgen Wussow) kehrt als dozierender und nicht mehr praktizierender Arzt mit seiner Karrierefrau Christa (Gaby Dohm) in die Heimat zurück. Anlass ist die Hochzeit des Sohnes (Sascha Wussow), der in seine Fußstapfen getreten ist und Arzt an der Schwarzwaldklinik ist. Seine Braut (Eva Habermann) ist blond und ebenfalls Ärztin. Sunnyboy Udo Brinkmann (Sascha Hehn) arbeitet nun als plastischer Chirurg und zerstritt sich deswegen mit seinem moralisch korrekten Bruderherz. Oberschwester Hildegard (Eva Maria Bauer) wurde von ihrem Neffen betrogen und steht nun pleite mit einem Bein auf der Strasse. Carsta Michaelis (Evelyn Hamann) kümmert sich als ehemalige Haushälterin um die Hochzeitsvorbereitung der Familie Wussow.

Kitsch pur. Doch im Gegensatz zu einer gut durchorganisierten Operation weist die Folge einige Schönheitsfehler auf. Oder gab es diese schon immer, nur schaute man vor zwanzig Jahren weniger kritisch hin? Logische Fehler im Drehbuch sind sicherlich durch die zerstrittene Familie Wussow begründet. Die Wiener Kinder aus erster Ehe trugen nach dem Tod ihrer Mutter einen öffentlichen Streit mit Klaus-Jürgen Wussow aus. Eigentlich undenkbar, alle noch mal zu vereinen. Barbara Wussow verbrachte die ersten 70 Minuten der Jubiläumsfolge unbegründet am Bodensee und stieß erst am Ende zu ihrer „Fernsehfamilie“, wie sie die Crew gestern beim Talk mit Kerner ausdrücklich bezeichnete. Auch hier erschien sie lediglich live zugeschaltet, um ihrem Vater nicht zu begegnen.
Ganz anders vor der Kamera. Dort ließ Vater Brinkmann Arm in Arm vereint mit Filmsohn Sascha Hehn und echtem Sohn Alexander "Sascha" Wussow verlauten: „Ich bin so stolz“. Später umarmte er seine Tochter in einer seltenen gemeinsamen Szene mit den Worten “Ich freue mich, dich zu sehen." Als er erfuhr, dass sie schwanger ist, durfte Klaus-Jürgen Wussow seinen nächsten Einzeiler aus dem Drehbuch verkünden: „Das ist der Hammer!“ Leider enttäuschte nicht nur die seichte Geschichte. Auch die aus ZDF-Produktionen wie Rosamunde Pilcher-Filmen oder dem Traumschiff reichlich bekannten Gesichter überzeugten wieder nicht durch Charakter. Es schien, als galt die Devise „Hauptsache dabei sein, egal, was und wie ich spielen muss.“

Früher wurde diese Serie geliebt, weil sie zwar niemals authentisch war, aber die Schauspieler die beliebtesten in Deutschland waren. Die Geschichten waren unterhaltsam und die Serie konnte preisgekrönt in 38 Länder verkauft werden. Die neue Folge glänzte lediglich in den nachbearbeiteten Sonnenuntergangsszenen und nur erhellende Schauspieler wie Evelyn Hamann oder Eva-Maria Bauer brachten Licht ins Dunkel des Schwarzwalds. Jedem Schauspieler wurde statt einer netten Geschichte lieber ein Auto auf den Charakter maßgeschneidert: Für Udo Brinkmann gab es zwar immer noch Cabrio, jedoch statt einem neuen Golf einen silbernen Porsche. Der freche Zivi Mischa fuhr den verwandelbaren Citroen Pluriel samt albernen Smileyaufklebern und der aufstrebende langweilige Chefarzt Brinkmann junior raste im spritzigen Minicooper durch die Berge.

„Trotz allem musst du deinen Garten bestellen“, lehrte uns Dr. Brinkmann senior im Kreis seiner Kollegen und Familie altväterlich. Zwischen Floskeln, altmodischen Traditionen wie Hochzeitsbrauch (etwas Altes, etwas Blaues, etwas Neues) oder dem Brinkmannschen Tannenpflanzen zur Geburt, durften die Zuschauer beobachten, wie die Hochzeitsgesellschaft derart aufopfernd einem Autounfall zur Hilfe eilt, dass nicht einmal die Polizei benötigt wird. Außerdem stellte Sascha Hehn die Moral durch die ehrenvolle Rettung eines Modelgesichtes und sein Engegament für Kinder aus dem Kosovo wieder her. Und die Grenzen der Medizin machen auch vor der Schwarzwaldklinik nicht Halt und stellen futuristisch in Aussicht, dass das querschnittsgelähmte Kind von Mischa geheilt werden könnte. Zur Happy-End-Hochzeit auf der Bodenseeinsel Mainau kamen dann auch andere Seriencharaktere wie Professor Vollmer (Christian Kohlund) vorbei.

Ziel für den Produzenten Wolfgang Rademacher (auch Erfinder des Traumschiff ) war einerseits die ursprüngliche Besetzung wieder gemeinsam vor die Kamera zu holen. Andererseits aber der Test, ob man an damalige Quotenerfolge von 60% Marktanteil anknüpfen könnte. In Zeiten des Privatfernsehens und gemessen an heutigen Quotenrennern wie Wetten, dass...? erreichte die Schwarzwaldklinik gestern mit 13 Millionen eine Traumquote.
Zugegeben, viele sehnten sich die Schwarzwaldklinik zwei Jahrzehntelang wieder herbei. Für Traumschiff -Liebhaber anspruchsloser Unterhaltung sicherlich ein unverzichtbares und schönes Muss. Alle damaligen Schwarzwaldklinik -Fans können sich am Ende nur das Sprichwort von Oberschwester Hildegard zu Herzen nehmen: „Undank ist der Welten Lohn“. Denn immerhin gab es eine neue Folge. Und als Trost lässt sich darauf hinweisen, dass ab heute täglich um 15.15 Uhr alle alten Folgen wiederholt werden.

Mehr Informationen zu den Sendeterminen finden Sie im ZDF.

 
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