Charme-Offensive", "vor allem von symbolischer Bedeutung", "wird nicht viel herauskommen": So intonierte das europäische Kommentariat den Besuch des George W. Bush. Das Misstrauen ist lebendig noch und verstellt deshalb den kühlen Blick auf eine neue Wirklichkeit. Zu der gehört just die Symbolik, die kleinzuschreiben den Medien angeboren ist. Die Handelnden aber wissen: Symbolik ist die halbe Miete in der Politik, oft die eigentliche Message. Auch möge man nie die Eitelkeit von Regierungen unterschätzen. Bush hat sie trefflich bedient. Dass er seinen Gegnern im Irak-Krieg – Chirac, Schröder und Putin – so viel werbende Aufmerksamkeit schenkte, dazu noch der Europäischen Union, signalisiert zweierlei.

Einmal scheint der wiedergeborene Präsident Abschied genommen zu haben von der "Old Europe/New Europe"-Strategie, also von der Diplomatie des Teilens und Herrschens. Er zelebriert ein "starkes Europa", dazu die unverbrüchliche Freundschaft über den Atlantik hinweg: "Keine Macht auf Erden wird uns je trennen." Solche Worte hat man in den letzten vier Jahren nicht gehört; stattdessen zirkulierte über dem Ozean die "Koalition der Willigen" als Parole. Auch haben Ronald Reagan, Bush senior und Bill Clinton nie, wie jetzt GeorgeII. dem EU-Rat die Reverenz erwiesen.

Zum Zweiten widerspiegelt der Auftritt des Präsidenten die Ernüchterung, die bis in die Hinterzimmer des Weißen Hauses und des State Department vorgedrungen ist. Visionäre Rhetorik ist das Markenzeichen aller US-Präsidenten; bloß haben nur wenige – Kennedy und Johnson in Vietnam – im Namen der Freiheit einen großen Krieg entfesselt, dem kein Angriff vorausging. Irak war der erste echte war of choice, und die Verpflanzung eines fremden Gewächses namens "Demokratie" in den Irak hat sich als kostspieliges Projekt mit unsicherem Ausgang erwiesen.

Die Desillusionierung hat nicht nur die Nettigkeiten von Brüssel, Mainz und Bratislava gezeugt, sondern auch ein Umdenken, das "taktisch" zu nennen eine Fehldeutung wäre, zumindest eine verfrühte. Bei Bush macht sich vorweg das klassische Syndrom der "zweiten Amtszeit" bemerkbar. Es geht nicht mehr um die Mobilisierung der Gläubigen, sondern ums Geschichtsbuch, in das der Irak-Krieg als erfolgreicher, mithin als gerechter eingehen muss. Zudem muss die Historie an Bush den Versöhner erinnern, der ein geordnetes Haus nach innen wie nach außen hinterlassen hat. Und so drängt sich der Vergleich mit Reagan auf, der sich vom Aufrührer zum Abrüster wandelte.

Wer diesen Vergleich verwirft, darf sich an den Fakten orientieren. Ein Präsident, der um "konkrete Hilfe" für die "jüngste Demokratie", den Irak bittet, ist nicht mehr der Bush von 2003, der den Krieg um jeden Preis durchzuziehen gedachte – mit oder ohne das Plazet des UN-Sicherheitsrates. Der Mann, der den Ausgleich in Nahost predigt, weil ein "freies und friedliches Palästina die Reformbewegungen" ringsum "beflügeln kann", verabschiedet sich auch von der Theorie: "Der Weg nach Jerusalem führt über Bagdad." Entschlüsselt hieß das: Erst ein Sieg der Demokratie im Irak werde die Palästinenser dazu bringen, ihren Frieden mit Israel zu machen. Jetzt aber soll der Frieden im Kleinen den demokratischen Umbau im Großen vorantreiben – eine Wende um 180 Grad.

Auch der militante Messianismus der ersten Regierung Bush ist abgeflaut. Stattdessen verkündete Bush schon im Januar, in seiner zweiten Antrittsrede: Demokratie zu schaffen sei nicht "vorrangig eine Aufgabe der Waffen". Und: "Amerika wird den Unwilligen nicht seine eigene Regierungsform aufzwingen." Kyoto? Dies war stets der oberste Anklagepunkt. Zwar wird Bush nicht morgen dem Protokoll beitreten, aber auf beiden Seiten weicht der arrogante Tonfall dem geschäftsmäßigen Gespräch. Die Europäer sind willens, nun auch Länder wie China, den zweitschlimmsten CO2-Sünder, ans Protokoll zu binden (was Washington stets vergebens gefordert hatte), und die Bushies ringen sich zu der These durch, dass Kohlendioxid doch etwas mit dem Klima zu tun hat. Dieses Geschäft kann also eröffnet werden.