Für das private Fernsehen hat das Jahr eigentlich gut angefangen: Die Sender ProSieben, Sat.1 und Kabel1 melden mehr als 200 Millionen Euro Gewinn vor Steuern. Die kleinen Sender Vox und RTL2 verbinden finanzielle Erfolge sogar mit steigendem Zuspruch. 3,7 Prozent aller Zuschauer schalten den einen, 4,9 Prozent den anderen ein – womit sie sich langsam einer Reichweite nähern, wie sie der gebührenfinanzierte Hessische Rundfunk in seinem Stammland hat.

Sogar das Deutsche Sportfernsehen und der Nachrichtensender N24 können von sich sagen, dass sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte Geld verdienen, statt es zu vernichten. Nicht zu vergessen: Auch dort steigen die Quoten. BILD

Trotzdem reden Publizisten und Intendanten des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, Unternehmensberater und Medienpolitiker derzeit gern und ausführlich von der Krise des Privatfernsehens.

Um Geld geht es nicht, denn nicht einmal dem Bezahlfernsehen Premiere mangelt es am täglichen Erlös. Das notorisch auf Kredit lebende Unternehmen hat in den vergangenen 18 Monaten mehrere hunderttausend neue Abonnenten gewonnen, was Senderchef Georg Kofler in einen so euphorischen Zustand versetzt, dass er sich den Kapitalmärkten stellt. Vom 9. März an wird die Premiere-Aktie an der Börse gehandelt.

Auf der Suche nach offensichtlichen Zeichen einer Krise bleibt also nur ein Sender übrig: RTL. Kein anderer Kanal hat das Fernsehen in den vergangenen Jahren so dominiert. Stilistisch so sehr geprägt. Finanziell so deutlich überragt. Doch im Jahr 2004 hat der Kölner Sender still und rasch fast zehn Prozent seiner Zuschauer verloren. Auf einmal ist die ARD im Durchschnitt besser, ja, "das Erste" verdiente sich sogar nach Quote seinen Namen. Als in der vergangenen Woche dann auch noch RTL-Chef Marc Conrad nur drei Monate nach seinem Antritt wieder abgesetzt wurde, waren die "Kölner Chaostage" (Süddeutsche Zeitung) perfekt. Denn die Personalie steht für mehr als einen gescheiterten Führungswechsel.

Was in der Hektik spürbar wird, ist etwas anderes, Größeres. Hier beginnt eine – mehr gefühlte als messbare – kulturelle Dominanz zu schwinden. Trotz des ökonomischen Erfolgs vieler Sender verlieren diese an Bedeutung. Im Kleinen hat sich das schon länger angedeutet, doch erst mit dem Taumel von RTL wird es greifbar.

Mehr als zehn Jahre lang haben die Privaten einen übermächtigen Einfluss darauf gehabt, wie zeitgemäßes Fernsehen aussieht. Auch wenn die Öffentlich-Rechtlichen noch viele Fernsehpreise gewonnen haben, auch wenn die Tagesschau noch immer eine Institution ist. Ihr Gespür sagte den Programmdirektoren der Privaten häufiger als den Redakteuren des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, welche Unterhaltung die Neugier weckt. Wer das Gesicht von morgen ist. Wer zum Prominenten taugt. Denn zu unterhalten war der Wesenszug des Mediums: Entertainment. Infotainment. Edutainment. Das beherrschten die Privatsender und allen voran RTL viel besser als die Öffentlich-Rechtlichen.

Sogar im Nachrichtengeschäft setzten sie Akzente. Sie zeigten, wie viel Werbung fürs eigene Programm ein Nachrichtenmoderator erträgt und auf wie viele Auslandskorrespondenten man verzichten kann, ohne unseriös zu wirken. Die Dominanz trug einen Namen: RTL. Doch nun wird sie schwächer, und dafür gibt es zwei Argumente.

HartzIV statt Haiti lautet das erste. Wenn die Zahl der Arbeitslosen steigt und die Einkommensunterschiede wachsen, wünschen sich die Zuschauer nicht unbedingt weniger Unterhaltung. Man könnte sogar ein wenig zynisch das Gegenteil behaupten und hinzufügen, dass die Privaten doch zum Unterschichten-TV mutieren mögen. Doch selbst das würde am Grundsätzlichen nichts ändern. Spaß und Zeitvertreib bestimmen nicht mehr in gewohnter Weise den Alltag. Daher kann heute kein Sender, der für Unterhaltung steht wie RTL, das Fernsehen so umfassend prägen, wie es im vergangenen Jahrzehnt geschehen ist. Im Vergleich dazu haben die Öffentlich-Rechtlichen einen fast naturgegebenen Wettbewerbsvorteil. Bei allem Zeitvertreib stehen sie immer noch für Orientierung.

Niemand sagt, dass RTL auf diesen Wandel nicht reagieren könnte. Nur gibt es keine Anzeichen dafür, dass es der Sender tut. Vielmehr scheint er sich darauf beschränken zu wollen, seine Stellung in der Unterhaltungsindustrie zu verteidigen.