Sie nannten ihn den Grabscher. Selbst enge Mitarbeiter von UN-Generalsekretär Kofi Annan mit Büros in der Führungsetage am New Yorker East River verzogen wissend das Gesicht, wenn die Rede auf Ruud Lubbers kam, den Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen. Aber Annan handelte nicht.

Die Beweise, die eine interne Untersuchung gegen Lubbers wegen sexueller Belästigung im vergangenen Sommer zutage gefördert hatte, reichten ihm nicht.

Jetzt aber konnte Ruud Lubbers seinem Rausschmiss nur durch schnellen Rücktritt zuvorkommen. Denn der zaudernde UN-Generalsekretär hat begriffen: Er muss handeln, will er sich selbst aus der Schusslinie bringen.

Die Skandale häuften sich nämlich: Unregelmäßigkeiten beim irakischen Hilfsprogramm Öl für Lebensmittel - ekelhafte Sex-Erpressungen durch Blauhelmsoldaten im Kongo - und eben die Missgriffe des Ruud Lubbers.

Langmut bei untauglichen Mitarbeitern war bisher Kofi Annans größte Schwäche.

Der Mann konnte keinen feuern. Bis ihm gute Freunde klargemacht haben: Der Nächste, der gefeuert wird, könntest du selbst sein. Daraufhin suchte Kofi Annan einen energischen neuen Stabschef und fasste den festen Willen: Ich gehe nicht, bevor ich nicht die UN reformiert habe. Wofür ihm der Applaus der Weltgemeinschaft sicher ist.

Also musste Ruud Lubbers gehen. Zweifaches Aufatmen am East River: Endlich zeigt Kofi Annan Härte - und erwischt gleich den Richtigen.