Jeden Juni erlebt Frankreich einen Wettkampf, der selbst die Tour de France in den Schatten stellt. 650000 Kandidaten treffen sich sechs Tage lang in Schulen, Gemeindesälen und Messehallen, wo sie fünf Millionen Arbeiten zu 4000 verschiedenen Themen verfassen, die von 120000 Kontrolleuren eingesammelt und von 5000 Korrektoren bewertet werden. Die Gesamtkosten betragen 200 Millionen Euro, und das Resultat ist seit 200 Jahren das wichtigste Ehrenabzeichen französischer Staatsbürger: das Zentralabitur, le baccalauréat, kurz bac.

Es öffnet die Türen zu Universitäten und Elitehochschulen, zu Spitzenpositionen in Wirtschaft und Staat und hat trotzdem seit längerem einen angekratzten Ruf. Denn das napoleonische Monument nährt zwar den Glauben an die republikanische Egalität. Doch währenddessen ist in Wahrheit die Ungleichheit so groß wie nie zuvor. Zwar hat Frankreich den Abiturientenanteil von sechs Prozent 1950 auf heute knapp siebzig Prozent gesteigert. Doch der Massenandrang hat den Selektionsdruck an der Spitze extrem verschärft. Wer zu den besten Abiturienten gehören will, muss mehr als 45 Stunden in der Woche pauken, um das extreme Prüfungsmarathon aus zwölf Einzelexamen zu bestehen. Zugleich gibt es am unteren Ende des Schulsystems bereits 80000 Schüler jährlich, die nach der Grundschule nicht richtig lesen, schreiben und rechnen können.

Dagegen will der konservative Bildungsminister François Fillon jetzt mit einer Schulreform angehen. Sie soll die Abiturienten entlasten und die Primar- und Mittelschüler stützen. Zugleich setzt sie auf traditionelle Werte wie Disziplin und Lehrerautorität. Doch weil Frankreichs politisch links orientierte Schüler und Lehrer den Konservativen nicht über den Weg trauen, rufen sie zum Widerstand auf. Auch die sozialistische Opposition schürt den Unmut mit der Formel "Die Regierung will Gleichheit durch Niveausenkung". So versammeln sich die Schüler seit Anfang Februar auf den Straßen zu Massendemonstrationen und kündigen zum 8. März einen nationalen Ausstand gegen die Fillon-Reform an.

Obwohl sie die größten Leidtragenden des Pauk- und Punktesystems sind, das nach zwölf Schuljahren im Gipfelspurt des bac mündet, lehnen die Schüler die Handreichung des Ministers ab. Während Fillon eine Halbierung der bac- Prüfungen plant und einen Teil der Endnote, wie in Deutschland üblich, dem Lehrer überlassen möchte, der die Unterrichtsleistungen seiner Schüler kontinuierlich bewertet, wollen die Schüler am Stress des zentral organisierten Prüfkarussells festhalten. "Ich möchte nicht von meinem Lehrer beurteilt werden", empört sich die Abiturientin Constance Blanchard, 17, die Präsidentin der nationalen Gymnasiasten-Gewerkschaft UNL. "Das widerspricht der Objektivität und Anonymität unserer Leistungsbewertung."

Für Blanchard und ihre Kameraden ist der Mythos der republikanischen Egalität – die strikte Neutralität des Lehrers gegenüber Konfession und sozialer Herkunft seiner Schüler – noch nicht zur Folklore herabgesunken. Aus Panik vor dem subjektiven Faktor fürchten die Schüler sogar etwas, was die Regierung gar nicht beabsichtigt: dass mit den Lehrernoten künftig auch der Name der Schule ins Zeugnis gelangt, was Rückschlüsse auf den gesellschaftlichen Status von Familie und Wohnort erlaube.

Im Gegensatz zu Deutschland ist das Verhältnis von Schüler und Lehrer in Frankreich seit alters äußerst distanziert. Der Lehrer ist nicht Pädagoge, sondern Wissensvermittler. Er soll keine emotionalen Beziehungen zur Klasse aufbauen und auch die familiären Hintergründe seiner Adepten nicht kennen. Jedes Jahr wechselt der Klassenlehrer, und auch die Klassenverbände werden regelmäßig neu aufgemischt, um Bindungen jenseits des Unterrichtsstoffs zu verhindern. Für die psychosoziale Betreuung der Jugendlichen außerhalb der Schulstunden besitzt jede Lehranstalt eigens qualifiziertes Fachpersonal. Zudem haben auch die Eltern in der Schule nichts zu sagen, weshalb die Tribunale, wie sie auf deutschen Elternabenden zuweilen gegen die Lehrer stattfinden, in Frankreich unbekannt sind.

Doch diese strikte Leistungsorientierung erzeugt beträchtliche Kollateralschäden, die sich lange vor dem bac bemerkbar machen. Weil Frankreich immer noch auf einer enzyklopädischen Auffassung von Bildung beharrt, geht der Druck schon ganz unten los. Bereits in der Grundschule werden viele Kinder aufs bac orientiert. Die erste Sekundarstufe (collège) gilt schon als kleines Gymnasium (lycée), welches wiederum als kleine Uni oder Elitehochschule (grande école) gesehen wird. "Jahr für Jahr wird weiteres Wissen aufgetürmt, und die Lehrpläne erreichen eine geradezu unvorstellbare Dichte", kritisiert Maurice Porchet, Berater des Bildungsministeriums. "Unsere Schule ist ein Strafsystem mit geradezu theologischer Sicht auf die Wissenschaft."