Alles, was in Amerika ausgebrütet wird, kommt irgendwann nach Deutschland – so auch die Affäre "Larry Summers", die sich um den Präsidenten von Harvard dreht. Der hatte am 14. Januar erneut gegen die korrekte Sprachregelung verstoßen, indem er eine schlichte Frage stellte: ob es nicht auch, aber nicht nur an der verschiedenen Gehirnbeschaffenheit von Männlein und Weiblein liege, dass Männer in den "harten" Naturwissenschaften so übergewichtig vertreten sind. Alsogleich räsonierte die Süddeutsche Zeitung über sein "Verhältnis zu Frauen, das schon letztes Jahr kritisiert worden war". Und die FAZ schimpfte über "billigsten Biologismus", auf den sich "kein seriöser Wissenschaftler einlassen" wolle.

Hätte Summers gesagt, dass 95 Prozent aller hyperaktiven Kids Jungen sind, dass viermal mehr Jungen als Mädchen mit Legasthenie oder Lernproblemen kämpfen, wäre nichts passiert. Und schon gar nicht, hätte er auf die gewaltige Überzahl von Männern in den Kerkern dieser Welt verwiesen. Werden die auch diskriminiert? So aber eilte eine MIT-Professorin zum Boston Globe und zur New York Times, um ihre Beklemmungen kundzutun: "Als der anfing, über angeborene Begabungsunterschiede zwischen Männern und Frauen zu reden, konnte ich nicht mehr atmen, weil derlei Vorurteil mich krank macht." Und dann die klassische rhetorische Atombombe – die falsche, aber emotional aufgeladene Analogie: "Die Leute haben früher auch behauptet, dass Frauen nicht Auto fahren können."

Allerdings hatte Summers nicht doziert, Frauen taugten nicht für die Naturwissenschaften oder seien gar irgendwie dümmer als Männer. Er hat bloß "drei lockere Hypothesen über die Ursachen eines massiven Ungleichgewichts" ausgebreitet.

Die erste war eine ökonomische. Könne es sein, dass gerade Frauen mit Kindern andere Prioritäten setzten als ihre Bosse, die das totale Aufgehen im Job wollten, "viele Stunden am Arbeitsplatz" und "Flexibilität in der Zeitplanung", die maximale Verfügbarkeit erlaubten? Das sei "kein Urteil darüber, wie es sein soll", und "vielleicht liege ich auch falsch mit meinen Vermutungen". Das hatte die versammelten Granden schon mal aufgeraut.

Die zweite Hypothese wurde zum Casus Belli. "Larry" drückte es akademisch so aus: Es gebe "relativ klare Evidenz" für "einen Unterschied in der Standardabweichung" in männlichen und weiblichen Populationen – im Blick auf "Attribute, die nicht wirklich kulturell determiniert sind". Auf Deutsch: In naturwissenschaftlichen Begabungstests liegen deutlich mehr Männer als Frauen an der Spitze, aber auch als totale Versager im Keller. Summers wäre nicht "Larry", hätte er nicht noch die Ketzerei hinzugefügt, die ihn für den Scheiterhaufen bestimmte: "Von der empirischen Psychologie haben wir in den letzten 15 Jahren gelernt, dass Leute gern mit Sozialisierung erklären, was damit nicht erklärt werden kann." Warum habe es das überegalitäre Kibbuzmodell nicht geschafft, Frauen dauerhaft in die Traktorreparatur und Männer in die Säuglingsstation abzukommandieren? Das war zu viel des "Biologismus".

Die dritte Hypothese über die Rolle der Diskriminierung ließ den ideologischen Kampf dann zum Krieg werden. Auch diese Vermutung, angeborenes Talent und legitime Familieninteressen hätten ein höheres Gewicht als "Sozialisierung und Diskriminierung", versah Summers mit dem Satz: "Ich möchte nichts lieber, als widerlegt werden." Trotzdem hatte er sich so selber zum Opfer des Kulturkampfs auserkoren, der seit 20 Jahren tobt: die ungleiche Verteilung einzelner Gruppen im Lehrkörper der Top-Unis beruhe auf Diskriminierung. Diesem Glaubenssatz zu widersprechen kommt der Verneinung der unbefleckten Empfängnis im Kardinalskollegium gleich.

Tatsächlich hatte Summers auch hier wieder die richtige Frage gestellt: Wäre die Abwehr von Frauen Prinzip, müsste es dann nicht einen Pool hoch begabter Naturwissenschaftlerinnen außerhalb Harvards geben? Würden im harten Wettstreit der Unis nicht wenigstens einige den strategischen Vorteil entdecken, diesen Pool der Vernachlässigten zur Mehrung des eigenen Ruhms anzuzapfen? Oder seien die höchst qualifizierten und interessierten Frauen schon in Harvard oder am MIT, wo sie hingehörten – gebe es also in Wahrheit nicht genug von ihnen, um ihrem Bevölkerungsanteil zu entsprechen? Er fügte hinzu: Wie dem auch sei, lassen Sie uns doch systematisch untersuchen, wie es nach fünf Jahren in einer Universität aussieht, die alle Anstrengungen unternommen hat, um diversity herzustellen. Welche Leistungskompromisse waren sinnvoll, wie viele Fälle "positiver Diskriminierung" ein unerwarteter Erfolg – oder "klare Beispiele vernachlässigter Qualitätsstandards"? Sollte man nicht genauer hinsehen, ob der fachliche Erfolg übereinstimmt mit dem zugewiesenen Rang?