gesellschaft Frauen, Quoten und GelehrteSeite 2/2
Endgültig war es um Summers geschehen, als er zum Schluss über den »Druck« spekulierte, »in einem bestimmten Jahr bestimmte (Gruppen)Verhältnisse« herstellen zu müssen. Dies ist der eigentliche Kriegsgrund, der seit der Antike das westliche Denken entzweit. Die Urfrage lautet: Wer ist der Träger von Rechten und Freiheiten – das Inviduum oder das Kollektiv? Liberale sagen: das Inviduum. Kollektivisten und Etatisten fordern: Die Gruppe muss es sein, ob sie nun durch Rasse, Ethnie, Geschlecht oder die volonté générale definiert wird.
Ist der Einzelne das Maß, dann möge der Beste gewinnen, so den anderen beim Wettlauf keine Bleigewichte angehängt werden. Deshalb reden die Liberalen von Chancengleichheit, nicht von der Gleichheit der Resultate. Die andere Seite aber redet just von den Ergebnissen, und da die Gruppe das Maß ist, muss sie im Verhältnis zu ihrer Stärke »repräsentiert« sein, an der Uni wie im Job.
Zu welchem Lager Larry Summers gehört, dürfte offenkundig sein. Als Primus inter Pares unter den US-Universitätspräsidenten hat er in hoch verschnörkelter Sprache vielleicht Folgendes sagen wollen: »Liebe Magnifizenzen, schaut noch mal genauer auf die Daten, bevor wir weiter den Quotenweg beschreiten. Wenn angeborene Talent- und Interessenunterschiede gravierender sind als Sozialisierung und Diskriminierung, dann sind wir mit dem Proporz auf dem Holzweg.« Er hätte noch hinzufügen können: »Die Universität, und ganz besonders Harvard, dient nicht der Repräsentation, sondern der Exzellenz – genau so wie ein Basketballteam oder Symphonieorchester. Nur: Selbst wenn wir feststellen, dass die Durchschnittsfrau weniger oder mehr begabt ist als der Durchschnittsmann, folgt daraus gar nichts. Wir müssen nur die Besten anheuern.«
Doch so weit kam er gar nicht. Nachdem diverse Petitionen seinen Rücktritt gefordert hatten, beugte er sich der akademischen Sprachpolizei. Seine Kollegen hätten ihn »genauer« belehrt, er habe »hochgradig« die »Rolle von Sozialisierung und Diskriminierung unterschätzt« und »falsche Signale« gesetzt. Dies mit einem Schauprozess zu vergleichen wäre so unfair nicht. Denn die klassischen Elemente waren alle da: das öffentliche Schuldbekenntnis, die Unterwerfung unter den korrekten Konsens, das Gelöbnis der Besserung.
Überlassen wir dem Harvard-Psychologen Steven Pinker ( The Language Instinct: How the Mind Works) das letzte Wort: »Die Wahrheit kann nicht beleidigend sein. Vielleicht ist die Hypothese falsch. Aber wie wollen wir es herausfinden, wenn schon die Auseinandersetzung mit ihr eine ›Beleidigung‹ ist? Leute, die aus einer Tagung stürmen, wenn sie nur das Wort ›Hypothese‹ hören, sie zum Tabu erklären, ohne Argumente oder Gegenbeweise vorzubringen, verstehen nicht, was eine Universität oder die Freiheit der Forschung ist.«
- Datum 24.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 24.02.2005 Nr.9
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