Jetzt, da die mächtig aufbrausenden Beschwerden und Verrisse schon wieder verhallt sind, kann einem das Gejammer um das angebliche Scheitern der 55. Berlinale ein wenig albern vorkommen. Elf Tage lang haben sich die deutschen Medien als eine Meute aus Nörglern, Polemikern und Untergangspropheten erwiesen. Elf Tage lang berechnete man sozusagen stündlich den Star-Koeffizienten des Festivals und buddelte sich mit jeder weiteren Rezension ein Stückchen tiefer ins große Depressionsloch am Potsdamer Platz hinein.

Es ist ja nicht so, dass es in diesem Jahr nichts zu meckern gab. Régis Wargniers postkoloniales Schmierenstück Man to Man war ein denkbar ungeschickter Eröffnungsfilm. Der dumpfe Rassismus dieses Films und seiner Neger-sind-auch-Menschen-Botschaft lastete wie eine dunkle Wolke über den ersten Berlinale-Tagen. Ein Festivalleiter, der sein sozialdemokratisches Herz gern mal nach außen stülpt und sich in den letzten Jahren durch die offensive Politisierung seines Wettbewerbs profilierte, verwechselt Engagement mit Event-Rhetorik, wenn er ein solches Machwerk zum Auftakt eines "Afrika-Schwerpunkts" erklärt. Ohnehin verlor sich dieser politische Anspruch bei Filmen, die ihre Themen – vom Völkermord in Ruanda bis zur unterdrückten Frau im England der Fünfziger – zwischen kläglicher Formlosigkeit und purer Konvention verrieten.

Selbst die besten Filme konnten die morbide Stimmung nicht heben

Völlig überflüssigerweise verwässerte Dieter Kosslick seinen Wettbewerb zudem durch Beiträge, die wegen ihrer prominenten Darsteller eingeladen wurden – und wieder herausflogen, als die Diven nicht erscheinen wollten. Ein Jury-Präsident, dessen Kinoverständnis auf der Aneinanderreihung apokalyptischer Spezialeffekte beruht und seine halb nackt auf dem roten Teppich herumturnende Kollegin aus China verbesserten die Stimmung nicht wesentlich. Als dann noch die sympathische, aber filmästhetisch nicht sonderlich interessante südafrikanische Bizet-Adaptation U-Carmen eKhayelitsha den Goldenen Bären davontrug, schien es endgültig, als hätten sich Götter, Stars und Schicksal gegen die Filmfestspiele verschworen.

Und doch wirkt die ganze Aufregung im Rückblick kleinkariert. Auch die Kritiker müssen sich für ihren medial verengten, von Anfang an auf Stars, Sternchen und Verpackung fixierten Blick kritisieren lassen. Man hätte angesichts der chronisch nach den Zeichen des Verfalls schielenden Berlinale-Exegeten und ihrer teils recht provinziellen Empörungslust fast aus dem Blickfeld verlieren können, was dieses Festival eben auch und vor allem ist: ein gigantischer, bis in die randständigsten Winkel der Gegenwart reichender Bilder- und Kulturdiskurs. Ein filmisches Gesamtgeflecht, dessen größte Sektionen Forum und Panorama sich in diesem Jahr so stark erwiesen wie schon lange nicht mehr. Vielleicht sollte man noch einmal betonen, dass der beklagte Wettbewerb gerade fünf Prozent der insgesamt fast 400 Filme dieses Festivals ausmacht. Es hat eine gewisse Ironie, dass auch die besten Beiträge in der Konkurrenz um den Goldenen Bären kaum mehr in der Lage waren, die morbide Grundstimmung zu heben, weil sie selbst von Tod, Endzeit und Verwahrlosung erzählten.

Am radikalsten stürzte sich der Taiwanese Tsai Ming Liang mit seinem Porno-Musical The Wayward Cloud in eine Moderne, die dem Einzelnen nicht einmal die Hoffnung auf ein bisschen selbst bestimmten Sex lässt. In der Hitze eines regenlosen Sommers führt sein Film die Bewohner eines gesichtslosen Hochhauses zu einer grotesken Sinfonie der Entfremdung zusammen. Während eine junge Frau in der unteren Etage einsam auf den Fernseher starrt, durchdringt das mechanische Stöhnen einer Porno-Queen tagtäglich die dünnen Wände. Ohne dass er auch nur ein einziges Geschlechtsteil zeigen müsste, erzählt Tsai Ming Liang von der totalen Ökonomisierung des Körperlichen. Mit sexualisierter Metaphernlust setzt er riesige Wassermelonen ins Bild und feiert eine sinnenfrohe Fleischlichkeit, die den in jeder Hinsicht ausgetrockneten Menschen längst abhanden gekommen ist. Von der absurden Komik wechselt sein Film zu brutaler Kälte, wenn der komatöse oder vielleicht auch tote Körper der japanischen Pornodarstellerin zum Zentrum einer endlosen, todtraurigen Sexszene wird. Zwischendurch besingen die Darsteller im poppigen Melonen-Outfit all die großen Gefühle und schönen Sehnsüchte, die sich aus dem Leben in triviale Songtexte zurückgezogen haben – durchgeknallter ist Entfremdungskritik im Kino derzeit nicht zu haben.

Tsai Ming Liangs Stars heißen Lee Kang-Sheng, Chen Shiang-Chyi und Yang Kuei-Mei. Natürlich hat auf dem roten Teppich kein Fotograf ihren Namen gerufen, und wahrscheinlich waren sie auch nicht für die branchenüblichen Interview-Marathons im Zehnerpack gebucht. Aber auf der Leinwand sind sie auch in der dreckigsten, armseligsten Pornoszene würdevoll und faszinierend. Sie exponieren sich uneitel, mutig, schamlos für jene Sache, um die sich ein solches Festival nicht zuletzt drehen sollte: das Kino.

Legt man solche Maßstäbe an, dann war der japanische Schauspieler Issey Ogata ein weiterer Superstar der Berlinale. In Alexander Sokurovs Film Solnze spielt er den letzten japanischen Kaiser während der Tage vor seiner Abdankung im Sommer 1945. Er spielt ihn als weltfremden Potentaten, als unendlich einsamen Kindmann und Privatgelehrten, der andächtig ein Einsiedlerkrebschen in Formalin bewundert und sich für die Geschicke seines Landes allenfalls zwischen Lunch und Teatime interessiert. Während seine Bediensteten angesichts der japanischen Niederlage Harakiri begehen, beginnt der Kaiser, das Protokoll der streng ritualisierten Tage zu durchbrechen. Er trinkt Rotwein mit einem amerikanischen General, probiert eine Zigarre und kokettiert im Garten der Residenz mit US-Militärfotografen, die ihn wie ein exotisches Tier bestaunen. In den Grautönen einer Fotografie der Dämmerung, in Bildern, die nicht von dieser Welt scheinen, steigt er ganz allmählich zur Wirklichkeit hinab. Solnze ist ein Essay über die Last und die Vergänglichkeit der Macht, über unvorstellbare Zerstörungsgewalt in der Hand eines zierlichen Herrschers, der an zarten Kalligrafien und Gedichten feilt, während Hiroshima in Flammen aufgeht.