Brüssel

Erhält ein Mensch eine zweite Gelegenheit, um einen ersten Eindruck zu machen? Erreicht der neue Bush die Herzen der Europäer leichter als der alte?

Es ist Montagnachmittag gegen zwei Uhr, als Amerikas Präsident "die Völker Europas" anspricht. Für den Beginn seiner Charmeoffensive hat er eine kleine Banketthalle in Brüssel ausgewählt. Nur rund 300 Zuhörer fasst der Saal, Concert Noble genannt. George Bush mag heimelige Räume. Wenn er Augenkontakt zu seinem Publikum aufnehmen kann, wirkt er warm und gewinnend. Bush, der Mensch, soll in Europa ankommen.

Zur Auflockerung macht er einen Witz auf eigene Kosten. Er erzählt von Benjamin Franklin, der einst Europa besuchte und "von Bauern und Bürgern" für einen "Freund der Menschheit gehalten" wurde. Er, Bush, habe sich einen ähnlichen Empfang gewünscht, doch "Außenministerin Rice warnte mich, ich solle realistisch bleiben". Ein erleichtertes Lachen füllt den Saal. Der Präsident weiß offenbar, gegen wen er antritt – gegen sich selbst nämlich und den Ruf, den er sich in Europa erworben hat.

Gerade im großen Staatstheater will Versöhnung sorgfältig inszeniert sein. Unter dem Diktat des Fernsehens muss sie mit ein paar Gesten auskommen. Ganze Völker sollen auf einen Blick begreifen, dass ihre Regierungschefs sich wieder vertragen. Wenn die Nachricht eines Besuchs der Besuch selbst ist, muss jedes Bild tausend Worte sprechen. Und niemand versteht sich auf die Kunst elektronisch übermittelter Emotion wie das Weiße Haus. Dort arbeiten jene Spin-Doktoren, die den Präsidenten mannesstark auf einem Flugzeugträger vor dem Schild "Mission Accomplished" landen ließen. Jetzt lautet die Mission: Frieden schließen mit Europa. Nichts wird dem Zufall überlassen, jede Kameraeinstellung wird überprüft. Bilder, die nicht erwünscht sind, finden nicht statt, denn das Weiße Haus steuert den Zugang jedes Bildreporters. In der Konzerthalle ist nirgends belgisches Sicherheitspersonal zu sehen. Dafür Männer mit rotem Stern am Revers: der Secret Service. Sogar die Platzanweiser sprechen englisch.

Reist das Weiße Haus, wird Amerika ins Ausland verlegt. Der Präsident spricht im Concert Noble nicht von der Bühne herab. Seine Regisseure haben die Stühle mit Blick auf den Eingang aufgestellt. So kann Bush von hinten durch eine Flucht herrschaftlicher Räume schreiten und unter einem purpurroten Vorhang ans Rednerpult treten. Das Bild schafft Heimat fürs Fernsehpublikum. Denn so ähnlich sieht es aus, wenn der Präsident im Weißen Haus auftritt.

Die Steuerung von Wirklichkeit und Wahrnehmung hat schon in Washington begonnen, wo sich am Freitagabend das Presse-Korps des Weißen Hauses sammelte. Treffpunkt: Andrews Air Force Base, eine eingezäunte Einfamilienhaussiedlung mit Golfplatz und Landebahn. Bei der Gepäckkontrolle ruft ein Beamter: "Presse links, Geheimdienst rechts." In den Unterlagen steht, in die Air Force One dürfe nur Handgepäck mitgenommen werden. Über die Gangway geht es auf dem roten Teppich für Staatsbesucher an Bord. Bloß: Der Jet ist nicht Air Force One, sondern eine Chartermaschine. So genannt wird er trotzdem , damit die Presseleute sich einbilden, sie seien im Herzen der Macht. Aus dem echten Präsidentenflugzeug, das später fliegt, wird irgendwann die Mitschrift eines Briefings gereicht.

Die Kreation virtueller Realität gehört hier zum Handwerk. Als Bush im Sommer auf seiner Ranch in Texas weilte, luden seine Helfer zu Pressegesprächen ein und hängten – wie im Weißen Haus üblich – einen blauen Vorhang hinters Rednerpult; dazu ein Schild: "Western White House". Soll bloß keiner glauben, der Präsident sei im Urlaub. Und damit keiner enttäuscht ist, dass er den Präsidenten während der Reise kaum sah, erhalten die Presseleute während des Fluges ein Polohemd, auf dem steht: "Presidential Trip to Europe". Diese Art der Nähe dürfen sich für 25 Dollar sogar die ausländischen Reporter kaufen, die hinten in der Holzklasse sitzen.