Paris

Die Frage, warum Jacques Chirac und George Bush einander nicht so gut verstehen, hat jüngst in Paris eine plausible Antwort gefunden. Weil der 72 Jahre alte Franzose nicht mehr ganz so gut hört, aber ein Hörgerät verweigert, muss sein Dolmetscher die Worte Bushs stets etwas lauter wiedergeben, was Bush wiederum nur übertönen kann, wenn auch er seine Stimme erhebt, sodass die Unterredungen immer fonstärker werden und schließlich in ein allgemeines Brouhaha münden.

Mit solchen Anekdoten versuchen die Franzosen derzeit, den fast dreijährigen Diplomatenkrieg zwischen Paris und Washington kleinzureden. Freilich hatte Chirac solche akustischen Probleme mit befreundeten Staatschefs bislang nicht und hört auch wieder besser, seitdem es mit den USA erste Anknüpfungspunkte in der Nahost-Politik gibt. Der Streit um die Anerkennung oder Ächtung Jassir Arafats seit dessen Tod ist vorbei, und im Irak geht es auch für Frankreich längst darum, wie es zur Sicherung der Nachkriegsordnung beitragen kann – wenn auch nach wie vor ohne militärische Mittel.

Und nicht erst seit der Ermordung des ehemaligen libanesischen Premiers Rafik al-Hariri unterstützt Chirac den wachsenden amerikanischen Druck auf Syrien. Schon vergangenes Jahr forderte Frankreich zusammen mit den USA im UN-Sicherheitsrat die Syrer zum Abzug ihrer Truppen aus dem Libanon auf – dessen Befriedung jetzt das Hauptthema des Abendessens von Chirac und Bush in Brüssel war. Und Chiracs einst verständnisvoller Ton gegenüber Syrien hat sich nach dem Attentat hörbar verschärft. Aber auch dem Libanon zeigt Frankreich Zähne und verbannte jüngst die Hetzbotschaften des Beiruter Hisbollah-Senders al-Manar aus dem französischen Netz – worauf sich Beirut prompt rächte und den französischen Sender Télé cinq aus seinem Programm warf.

Weil die USA in Syrien den Nachschubkorridor für irakische Terroristen sehen, kommt ihnen jede Unterstützung Frankreichs gelegen, und sei sie noch so taktisch. Doch in der politischen Strategie bleiben die Meinungsverschiedenheiten groß. Zwar schließt Frankreich Sanktionen gegen Syrien nicht mehr aus, verweigert sich aber dem weitergehenden amerikanischen Wunsch, auch die libanesische Hisbollah auf die Liste terroristischer Organisationen zu setzen – weil es sich für Paris nicht nur um Bombenwerfer, sondern auch um eine politische Partei handelt. Und beim Versuch, Iran vom Bau von Atomwaffen abzuhalten, konnte Chirac den auf eine harte Haltung festgelegten Bush kaum konzilianter stimmen.

So reagiert die französische Presse auf die Begegnung von Bush und Chirac in Brüssel eher kühl und spricht von oberflächlichem Tauwetter, begrenzter Versöhnung und theatralischen Gesten der Amerikaner. Bushs Beteuerungen, der Konflikt in den Beziehungen sei gar nicht so gravierend gewesen, empfindet Le Figaro als "so übertrieben wie bei einem Kind, das feststellt, dass es sein Lieblingsspielzeug kaputt gemacht hat".

Auch der Außenpolitik-Experte Pierre Hassner warnt vor übertriebenen Hoffnungen: "Die Amerikaner agieren weiterhin mit eiserner Faust, die derzeit lediglich in einem Samthandschuh steckt." Und der Amerika-Kenner Guillaume Parmentier sieht selbst nach den jüngsten politischen Annäherungen das Hauptproblem darin, die Frankophobie in der amerikanischen Bevölkerung zu überwinden: "Wir müssen damit leben, dass die öffentliche Meinung vor allem in den Medien noch eine Weile gegen Frankreich eingestellt bleibt."

Die Hoffnung, dass die Aversionen schwinden, wenn Bush den französischen Präsidenten erst einmal auf seiner Ranch in Crawford empfangen hat, ist seit dem jüngsten Brüsseler Treffen wieder gesunken. Auf die Frage, ob er Chirac bald einlade, antwortete Bush in Gutsherrenart: "Ich brauche immer gute Cowboys."