Neulich hat Achim Leschinsky in seiner eigenen Vorlesung gesessen und sich selbst zugehört. Das klingt ein bisschen verwirrend, aber so war es: Im Vorlesungsverzeichnis stand sein Name, es war sein Skript, und doch hat er schweigend dagesessen zwischen all den Studenten, während ein anderer am Pult stand und seine Worte benutzte.

Leschinsky, Professor für Schultheorie an der Berliner Humboldt-Universität, ist einer der führenden deutschen Erziehungswissenschaftler. Seine Beiträge zu Schultheorie und Bildungsgeschichte sind maßgeblich und nach den Worten seiner Kollegen nicht selten brillant. Das ist die öffentliche Person Achim Leschinsky. Es gibt auch den privaten Leschinsky. Dem die Stimme so kratzt und zittert, dass er keine Vorlesung mehr selbst halten kann. Der im Rollstuhl sitzt, durch einen Strohhalm trinkt und keinen Kugelschreiber übers Papier führen kann. Achim Leschinsky, 61 Jahre alt, hat multiple Sklerose; eine Krankheit, die allmählich zur Lähmung aller Muskeln führt. Darum diktiert er seiner Sekretärin die Vorlesung auf Tonband, seine Assistenten lesen sie den Studenten vor. Ein bisschen komisch war das schon, in seiner eigenen Vorlesung zu sitzen, fand Leschinsky. Aber es hatte auch was, über den Dingen zu schweben. "Nicht dass du am Ende denkst, du wärst schon im Himmel", hat ihn ein Freund danach gewarnt. "Wir brauchen dich hier noch."

Und wie sie ihn brauchen: Wer sich die herausragenden Forschungsarbeiten zur Schultheorie der vergangenen 30 Jahre anschaut, stößt immer wieder auf denselben Namen. Analysen zur Entwicklung von Haupt- und Gesamtschule, die maßgebliche Ausgestaltung des Schulfachs Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde (LER) in den neuen Bundesländern: Leschinsky. Und wer hat die ersten Bildungsberichte, viel beachtete Bestandsaufnahmen des deutschen Bildungswesens lange vor Pisa, entscheidend geprägt? Leschinsky. Nebenher war er zehn Jahre lang Ko-Chefredakteur der Zeitschrift für Pädagogik, des Zentralorgans der Erziehungswissenschaften. Wer so viel mitgemacht hat, kann sich leisten, über die Pisa-Hysterie zu sagen: "Wir haben es mit einer Selbsttäuschung zu tun, die auf geradezu verbrecherische Weise von den Bildungspolitikern gepflegt wird. Deutschland war nie an der Spitze." Es wäre schon ein großer Erfolg, sollte das Land im internationalen Vergleich um fünf Rangplätze steigen. "Das muss endlich offen gesagt werden." Viele trauen sich das nicht. Leschinsky schon.

"Sein Geist ist unbestechlich", sagt der Entwicklungspsychologe Kai Cortina, mit dem Leschinsky früher am angesehenen Berliner Max-Planck-Institut (MPI) für Bildungsforschung geforscht hat. "Wer Milde erwartet, ist bei ihm falsch." Eine gute Note gibt es bei Achim Leschinsky nur für eine gute Leistung, und wenn ein Kollege mal wieder mit einer ach so revolutionären Idee auf den akademischen Markt der Eitelkeiten tritt, kann er sich fast immer auf das Kopfschütteln Leschinskys verlassen: alles nicht neu, alles schon da gewesen. "Im Grunde können wir uns alle Debatten über Schulformen, Rahmenpläne und sonstige pädagogische Finessen sparen", sagt er. "Das Einzige, worauf es ankommt, ist eine vernünftige Reform der Lehrerbildung." Doch die gegenwärtige Umstellung des Lehrerstudiums auf Bachelor und Master sei eine Mogelpackung und ökonomischer Unsinn dazu, wenn nur Master-Studenten Lehrer werden dürften. "Der Bachelor muss der Normalfall werden, doch das scheint nicht durchsetzbar zu sein gegen die Interessen der Lehrer und Beamten."

Für Reformbegeisterung nach dem Prinzip Zufall hat Achim Leschinsky wenig übrig. Was mit seinem für einen Pädagogikprofessor ungewöhnlichen Werdegang zusammenhängt: Zunächst hat er ein vollständiges Lehramtsstudium für Geschichte und Latein absolviert, bevor er, der begeisterte Historiker, sich doch noch für die Pädagogik erwärmen konnte und beim MPI anheuerte. "Er hat ein unglaubliches Sensorium für die Langfristigkeit von gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen", sagt sein Freund und Kollege, der Münsteraner Erziehungswissenschaftler Jens Naumann. Heute ist Leschinsky so etwas wie das personifizierte Gedächtnis der Erziehungswissenschaften. Jüngstes Beispiel: das Konzept einer integrierten Oberschule von Haupt- und Realschule, das die Regierungen von Brandenburg und Schleswig-Holstein als Antwort auf zurückgehende Schülerzahlen und die Bildungsbenachteiligung der Unterschicht preisen. Leschinsky sagt, das hätten sie in der Weimarer Republik schon mal probiert. "Wohin ich schaue: nichts Neues unter der Sonne." Sein Blick hat etwas Abschätzendes, Belustigtes. Ein Blick, der vieles sieht und nicht immer alles sagt. "Er kann sehr zynisch sein", sagt Kai Cortina. "Und kompromisslos."

Es wäre leicht, zu schreiben, seine Krankheit habe ihn kompromisslos gemacht. Doch es ist genau andersherum: Nur weil er kompromisslos ist, vor allem mit sich selbst, kann er seiner Krankheit trotzen. Die begleitet Leschinsky sein ganzes Forscherleben. 1975, er war gerade mit seiner Doktorarbeit über die preußische Schule fertig, bekam er Probleme mit dem linken Auge: Er sah alles heller und verschwommen. Der Arzt wollte lasern. "Da habe ich Schiss bekommen und bin nicht mehr hingegangen." Danach wurde es schlimmer, langsam, aber merklich: Die Finger wollten nicht mehr so flink über die Tastatur, seine Beine fühlten sich taub an. 1980 kam die Diagnose. "Ich habe schon vorher gemerkt, wohin die Reise geht, und mich schnell habilitiert", sagt Leschinsky. Aufrecht sitzt er in seinem Rollstuhl, auf den er seit Ende der achtziger Jahre angewiesen ist. Eigentlich will er nur eines: dass seine Behinderung kein Thema ist, kein Hindernis. Dass ihm das ermöglicht wird, was er am besten kann: Wissenschaft betreiben, die Forschung voranbringen. "In gewisser Weise verleugne ich meine Krankheit bis heute", sagt er. "Ich halte mich an meiner Arbeit fest und tue so, als nähme niemand wahr, unter welchen Umständen ich die LER-Evaluation oder den Bildungsbericht geschrieben habe."

Und so arbeitet er und arbeitet. Die meiste Zeit sitzt er in seinem Bungalow in Berlin-Dahlem, den Rollstuhl an den Esstisch im Wohnzimmer geschoben, vor ihm ein Stapel Zeitungen, Bücher, Unterlagen und das Telefon. Er liest und grübelt und formuliert in Gedanken. Zurzeit schreibt er für die Jüdische Gemeinde einen Bericht über die Qualität der jüdischen Schulen in Berlin, zusammen mit seiner Assistentin Sabine Gruehn. Sie übernimmt die Terminplanung und beschafft Literatur; gemeinsam fahren sie in die Schulen und machen Interviews mit Lehrern und Schülern. Am Ende diktiert er Gruehn seine im Kopf vorgefertigten Schlussfolgerungen, sie schreibt ihre dazu. Wenn Leschinsky formuliert, kommen die Worte druckreif aus seinem Mund. "Ich schule meinen Kopf und mein Gedächtnis", sagt er. "Ein gutes Training." Seit seine zweite Frau, die bekannte Psychologin Ursula Plog, vor zwei Jahren an Krebs gestorben ist, geht das so, tagein, tagaus. "Im Grunde fällt mir außer Arbeit nicht mehr viel ein." Ab und zu kommen seine Söhne zu Besuch, einer ist Diplomingenieur, der andere wird Holzwirt. Seine Leidenschaft für die Pädagogik teilen sie nicht. Dafür habe er keine Ahnung von Technik, sagt Leschinsky.