Julian hat Geburtstag, deshalb darf er als Erster zuschlagen. Er packt die Glasflasche, stürmt auf Aliza zu, holt aus und schlägt ihr die Flasche auf den Kopf. "Aaahh!", schreit Aliza, Blut strömt über ihr Gesicht. Julian streckt triumphierend den abgebrochenen Flaschenhals in die Luft. Seine Mutter macht ein Foto.

Das Blut auf Alizas Gesicht ist Filmblut, das "Crash-Glas" ungefährlich, und Julian ist kein Schläger, sondern ein Drittklässler, der mit fünf anderen seinen neunten Geburtstag feiert. In der Kinderstuntschule Movie-Kids in Hürth bei Köln kann er zur Feier des Tages Aliza eins mit der Flasche überziehen. "Ich habe auch Kegeln vorgeschlagen. Oder die Kletterwand. Aber das fanden die Kinder langweilig", sagt Julians Mutter.

Die Jungen machen einen Schnupperkurs bei Movie-Kids, der einzigen Stuntschule in Deutschland, die auch Kinder unterrichtet. Jeden Samstag wird trainiert, zwei Stunden kosten 18 Euro, und wer will, kann in die Castingkartei aufgenommen werden. In Filmen wie Der kleine Vampir oder Serien wie Alarm für Cobra 11 sind schon Movie-Kids zum Einsatz gekommen.

Stuntman ist kein staatlich anerkanntes Berufsbild. "Wer will, kann sich nach zwei Tagen Prügelei so nennen", sagt der Schulleiter Manfred Kaufmann. Er selbst ist Schauspieler, an der Schule unterrichtet er auch Erwachsene in Schauspiel und Stunts. Als fachlicher Berater steht noch ein Pyrotechniker bereit, er achtet auf die Sicherheit. Verträge werden mit den Kindern nicht geschlossen. Wer wirklich zum Film will, kommt eben jeden Samstag, so wie Aliza. Sie ist elf Jahre alt, trainiert schon, seit sie neun ist, und auf ihrer schwarzen Bomberjacke steht in roter Schrift "Movie-Kids". "Halt dich fest", "Warte, bis der andere unten ist", "Du darfst da nicht ran" – sie ist unter den zwölf Kindern die inoffizielle Assistentin des Stunttrainers. Andere Mädchen gehen zum Reiten, Aliza stürzt sich aus fahrenden Autos.

Auch Fiona träumt vom Film, sagt jedenfalls ihr Vater. "Die Kinder aus Harry Potter sind ihr großes Vorbild, nicht, Schätzchen?" Fiona ist sechs Jahre alt, auf ihrer roten Jacke steht "Princess", und sie schaut Aliza nur aus sicherer Entfernung zu. Ob sie hier richtig sind, weiß Fionas Vater noch nicht. "Ich hatte mir das schon glamouröser vorgestellt." Die Hallen der Schule sind kalt und zugig, einige Eltern sitzen auf einem Stapel dreckiger Matratzen und schauen ihren Kindern zu. "Wir haben oft welche, die ihren Nachwuchs um jeden Preis berühmt machen wollen", sagt Kaufmann. "Aber wenn die Kinder das nicht wollen, bringt das alles nichts."

Prügelszenen für Fortgeschrittene

Während Aliza schon mit den Fortgeschrittenen Prügelszenen ausarbeitet und Fiona sich weiter hinter den Beinen ihres Vaters versteckt, hocken Julian und seine Kameraden auf dem Betonfußboden im Kreis. Trainer Dennis Öhmez, 21 Jahre alt und Stuntman in Ausbildung, steht in grünem T-Shirt und Jeans vor ihnen und erklärt in aller Ruhe die Regeln: "Wer nicht zuhört, darf auch nicht prügeln." – "Wir schlagen nicht wirklich, wir tun nur so, als ob." – "Der andere muss immer wissen, wohin ihr schlagen wollt."