DIE ZEIT: Im Streit um die Visapolitik des Auswärtigen Amts beteuern die Grünen, es gebe keinerlei Zusammenhang zwischen ihrer Ideologie und den Missständen. Spiegelt sich in den Erlassen nicht doch ein grünes Weltbild, wonach eben Freizügigkeit wichtiger ist als Sicherheit?

Daniel Cohn-Bendit: Nein, ich möchte die Kohl-Regierung und Rot-Grün zugleich verteidigen. Der Volmer-Erlass hat nichts mit grüner Ideologie zu tun. Fischer selbst hat überhaupt keine Sympathie für selbst ernannte Gutmenschen. Der Erlass steht vielmehr schlicht und einfach in der Kontinuität der deutschen Außenpolitik der Öffnung gegenüber Osteuropa. Jede deutsche Regierung, egal welcher politischen Couleur sie ist und welche Haltung sie zur Einwanderung einnahm, stand vor der Frage: Wie gestalte ich die Beziehungen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus? Die erste wesentliche Entscheidung der Kohl-Regierung war die Einigung mit Polen und – auf Druck der Freiheitskämpfer – die Öffnung der deutschen Grenzen für Touristen…

ZEIT: …da weichen Sie aus. Mal wollen die Grünen die schlimme restriktive Politik der Regierung Kohl beenden, mal sagen sie, sie hätten gerade nichts verändert. Was stimmt denn nun?

Cohn-Bendit: Die Grünen haben Unrecht, wenn sie sagen, die Visabehandlung zu Zeiten Kohls sei ein Missstand gewesen. Es war ein Dilemma mit Polen, das man nicht eindimensional lösen konnte. Man hat sich entschlossen, überhaupt keine Visa für Touristen von den Polen zu verlangen, um den Preis, dass illegale Arbeitskräfte, Prostituierte und Autoschieber kommen konnten. Kohl und Genscher haben sich über die Kritik der Innenminister hinweggesetzt, weil sie sagten, das gehört zu den Bedingungen der europäischen Einheit.

ZEIT: Aber die Missstände, über die wir reden, gab es eben nicht unter der Regierung Kohl, sondern unter Rot-Grün.

Cohn-Bendit: In der logischen Entwicklung der deutschen Außenpolitik gegenüber Osteuropa hat sich immer mehr gezeigt, dass die Visapolitik zu restriktiv ist, dass sie nicht funktioniert. Unter Rot-Grün sind dann die entsprechenden Maßnahmen entwickelt worden, um den Reiseverkehr zu erleichtern. Aber damit ist ein Spielraum entstanden, in dem sich das Schleusersystem eingenistet hat.

ZEIT: Gerade wenn die Grünen für eine liberale Ausländerpolitik und offene Grenzen sind, hätten sie dann nicht eine besondere Verantwortung, ja moralische Pflicht, besonders penibel darauf zu achten, dass dies nicht von Schleusern ausgenützt wird?