Peking

Es ist ein Uhr mittags, für Yin Lichuan Zeit zu frühstücken. Sie gießt grünen Tee im Glas auf, streut Sichuan-Pfeffer auf die gekochten Eier und stellt eine Plastiktüte mit Toastbrot auf den Küchentisch. Das nennt sie französisches Frühstück. Drei Jahre lang hat Yin Lichuan einmal in Paris gelebt. Doch abgesehen vom Frühstück und einer Schwäche für Rotwein habe sie mit Frankreich abgeschlossen. Sie sagt das sozusagen zur Begrüßung. Die Frau ist ziemlich direkt. Die Faszination Europa, ihr Studienfach französische Literatur – all das, sagt sie, liege weit hinter ihr. Heute lebe sie als Schriftstellerin mit Haut und Seele in China.

Ihr Auftreten ist so einzigartig wie zukunftsweisend. Sie paart die Rebellion gegen westliche Einflüsse mit einem sanften Eintreten für mehr Demokratie und Gerechtigkeit. Dabei widersteht sie Zensur und Schikane der regierenden Kommunisten. Sie tritt selbstbewusst für chinesische Traditionen ein und nutzt dafür die modernsten Kommunikationsformen des Internets. Kurzum, Yin Lichuan ist Bannerträgerin einer neuen Pekinger Intellektuellengeneration.

Yin Lichuan trägt ein kurzes schwarzes T-Shirt, Jeans und weiß-blaue Ringelsocken. Sie ist nicht geschminkt. Ihre Haare sind dunkelrot gefärbt. Sie war einmal eine Art Sexsymbol der Pekinger Literaturszene, weil sie als junge Frau über körperliche Liebe schrieb. Mit anderen Poeten gründete sie den Dichterclub Unterleib. Die Presse nannte sie "Schönheitsschriftstellerin". In Shanghai bezeichnete man junge Schriftstellerinnen als "Shanghai-Babys". Sie war das Peking-Baby. Heute will sie auch davon nichts mehr wissen. Nur ihr "rauer, roher Schreibstil", sagt die 31-Jährige, habe sich nicht geändert.

Diskutiert wird auch, was die Behörden zensiert haben

Lichuan wohnt in einem kleinen Penthaus in der Pekinger Vorstadt, das sie mit Ikea-Möbeln und chinesischer Pop-Art-Kunst vollgestopft hat. Nur das Arbeitszimmer ist leer: orangefarbene Wände, davor ein schwarzer Computer auf einem freigeräumten Kiefernholztisch. Ihre Bücher, die ganze klassische französische Literatur, hat sie nach dem Umzug in der alten Wohnung gelassen. Sie vermisst sie nicht. Für ihre Arbeit braucht sie nur den Computer. Yin Lichuan zählt sich zur neuen Generation der Internet-Literaten – gezwungenermaßen, auch wenn sie das nicht zugeben möchte.

Yin Lichuan stellt den Computer an. Auf ihrer Startseite www.sina.com, Chinas meistbenutztem Internet-Portal, erscheinen die aktuellen Schlagzeilen. Die großen Portale haben heute eigene Redaktionen mit Hunderten von Journalisten. Sie fühlt sich von ihnen besser informiert als von Presse und Fernsehen. Was auch hier der Zensur zum Opfer falle, diskutiere sie unter Freunden. "Ausländische Zeitungen muss ich dafür nicht lesen", sagt Yin.

Sie beginnt ihren Arbeitstag mit dem Lesen ihrer E-Mails: neben Privatpost lauter Einladungen zu Partys und Konzerten. Sie schaut nach Vorveröffentlichungen der Verlage im Netz. Das erspart ihr den Buchladen. Endlich landet sie auf einem virtuellen schwarzen Brett für Literatur. Hier habe sie vor fünf Jahren ihr erstes Gedicht ins Internet gestellt und sofort Dutzende von Reaktionen erhalten. "Ich war auf Anhieb begeistert", erzählt Yin. "Seither ist Schreiben für mich Kommunizieren."