china Die Internet-PoetinSeite 2/2
Mit der Zeit entstanden nebenbei drei Bücher: zwei Sammelbände mit Gedichten und Erzählungen und ein Roman. Lichuan wurde zum Pekinger Stadtgespräch. Mit Gedichten wie An Wanderarbeitern vorbei traf sie einen neuen Ton. Darin schreibt sie: »Gemächlich sind meine Schritte, gemächlich ist mein im Minirock eingewickelter Unterleib. Mein Handy klingelt. Alle Blicke (der Wanderarbeiter, Anm. d. R.) sind extrem konzentriert, nicht auf mich. Auf Chinakohl, Kartoffeln und zwei Stück fettes Fleisch.« Bei einem solchem Text geht es ihr um den Tabubruch, den Alltag mit seinen neuen Umgangstönen in die chinesische Literatursprache einzuführen. Sie hat genug von der verwestlichten Akademikersprache ihrer Zunft, von dem Vokabular von Marx und Mao, Sartre und Camus. Für sie ist das alles eins.
Yin Lichuan raucht viele Zigaretten der Marke Huangguo Shu und trinkt viel grünen Tee. Nebenbei bestückt sie ihr Internet-Tagebuch, ihr Blog. Auf www.blogcn.com sendet sie Gedichte, Alltagsgeschichten, Reiseberichte, Rezensionen in die Welt. Außerdem sind auf der Seite die Kommentare ihrer Leser abrufbar. Sie findet das Blogging prima, hat sich beim Schreiben noch nie so frei gefühlt wie heute. Täglich zählt der Computer ihre Leser. Seit November sind es 26700. Nur an zwei Tagen im Januar setzte die Zählmaschine plötzlich aus. Mit der Freiheit war es vorbei. Sie hatte ein Gedicht über Zhao Ziyang geschrieben, »einen alten Mann, der zweimal starb«. Damit meinte sie den ehemaligen KP-Generalsekretär, der im Januar im Hausarrest starb, 15 Jahre nachdem er sich gegen die militärische Niederschlagung der Studentenrevolte von 1989 eingesetzt hatte. Zhao bleibt für Lichuan ein Held. »Er war sehr solidarisch und hat mein Gefühl für Demokratie ausgedrückt. Deshalb musste ich etwas zu seinem Tod schreiben«, meint sie.
Darauf wiederum reagierte Chinas neue Internet-Polizei. Alle Webseiten, auf denen Zhaos Name stand, wurden von den Behörden gelöscht und blieben zwei Tage gesperrt. Auch ihre. In Paris bezeichnete die Organisation Reporter ohne Grenzen China im vergangenen Jahr als »größtes Gefängnis der Welt für Internet-Dissidenten«. 61 Menschen befänden sich wegen »staatsfeindlicher« Äußerungen im World Wide Web in Haft.
Yin Lichuan ist eine schmale Person, aber sie kann schimpfen wie gedruckt. Auf alle, die ihr aus moralischen und politischen Gründen das Recht absprechen wollen, ihr Leben zu genießen. Zu ihnen zählt sie Kommunisten, die vor dem Werteverfall warnen. »Diese Leute sollen der Gesellschaft doch bitte etwas Zeit lassen, ihre eigenen Werte zu finden und das Vergnügen des Lebens wiederzuentdecken«, meint Yin. Aus dem gleichen Grund weist sie westliche Systemkritik wie die von Reporter ohne Grenzen zurück. Seit der Kulturrevolution habe man in China nur große politische Debatten geführt. Sinn und Lust am Alltag, am täglichen Leben in der chinesischen Kultur mit ihren Sitten und Riten seien viel zu kurz gekommen. Plötzlich schlägt ihre Empörung in Begeisterung um. »Wir erfinden heute den chinesischen Alltag neu. Es gibt keine Helden mehr. Jeder kann selbst singen und schreiben. Das ist unsere Epoche«, ruft Yin. Rasch holt sie ein paar sichuanische Süßigkeiten aus der Küche.
Seit zwei Tagen hat sie ihre Wohnung nicht verlassen. Normalerweise geht sie jeden Abend aus. Sie will nicht die ganze Zeit vorm Computer sitzen. An diesem Abend trifft sie Shen Haobo, einen drei Jahre jüngeren Dichter, der als Erster den Begriff von der »Unterleib-Poesie« prägte. Shen hat ihr vor ein paar Tagen seine Memoiren des vergangenen Jahres per Blog-Mail übersandt. »War es im März«, schreibt Shen, »als wir diesen Appell lancierten?« Tatsächlich weiß jeder Schriftsteller in China, dass Yin und Shen im letzten März einen mutigen Appell zur Freilassung zweier zu zwölf und elf Jahren Haft verurteilter Journalisten ins Netz stellten. 7000 Unterschriften sammelten sie für Yu Huafeng und Li Minying, die entscheidend zur Aufklärung über die Sars-Epidemie im Jahr 2003 beigetragen hatten, bis auch hier die Internet-Polizei zugriff und den Aufruf löschte. Shens Verleger wurde anschließend bestraft, sein neues Buch eingestampft. Ihr stellten die Sicherheitsbehörden ebenfalls nach. Sie hatte Angst. Sie brach den Kontakt mit ihren Verlegern ab – aus Vorsicht. Einmal ausgesprochen, ist ein Publikationsverbot schwer rückgängig zu machen. Sie wagte monatelang nichts zu veröffentlichen, bis sie mit ihrer Arbeit am Internet-Tagebuch begann. Gezwungenermaßen, ja, gibt sie jetzt zu. Aber Verzweiflung wäre ihr auch damals nicht in den Sinn gekommen. »Die Empörung gegen die Ungerechtigkeit gibt es schon in unseren ältesten Romanen«, meint Yin. So, und nicht als Systemkritik, will sie ihren Appell verstanden wissen. Außerdem habe sie ihn längst vergessen. Der Alltag sei ihr wichtiger.
Gegen Abend verlässt Yin Lichuan ihre Wohnung. Sie trägt einen grauen Daunenmantel über dem T-Shirt. Vor ihrer Haustür parken ein BMW 728 und ein VW-Passat. Hinter den gegenüberliegenden Balkonfenstern stehen grüne Bistrotische vor einem erleuchteten Aquarium. Nicht weit entfernt entsteht ein neuer Wohnkomplex. Er nennt sich »Neues Rom«. Sie findet ein Taxi und fährt in die Stadt.
- Datum 24.02.2005 - 13:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 24.02.2005 Nr.9
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