Irak Wenn das Sektglas leer ist
Nach ihrem Wahlsieg im Irak stellen die Schiiten den Ministerpräsidenten. Gegen die Sunniten führen die USA weiter Krieg.
Sicher, der Irak-Krieg hat viele Proteste ausgelöst. Aber es gibt auch etwas anderes, das diesen Krieg seit seinem Beginn im Jahr 2003 hartnäckig begleitet: Jubel. Es ist so, als würde seit der Invasion ein einziges Fest gefeiert, ein Fest der Freiheit. Natürlich, ab und an muss es zwangsläufig unterbrochen werden, weil man etwa vernehmen muss, dass in einem irakischen Gefängnis namens Abu Ghraib irakische Gefangene gefoltert wurden. Aber das sind nur störende Wirklichkeitssplitter in der wunderbaren Saga von der Demokratie, die sich mit einer Prise Granaten und mit einem Schuss scharfer Verhörmethoden unaufhaltsam Bahn bricht.
Das Fest hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Iraker haben ein Parlament gewählt, das sich in diesen Tagen in beruhigender Weise dem ganz und gar demokratischen Feilschen um Ämter und Posten widmet. Acht Millionen Iraker haben abgestimmt, das sind rund 60 Prozent der Wahlberechtigten. Sie taten es unter Lebensgefahr. Denn die Terroristen haben ihnen mit dem Tod gedroht, falls sie wählen sollten. Die Iraker haben sich dafür zu Recht Respekt und Bewunderung aus aller Welt verdient. Sie wollen ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen – das ist die Botschaft des Wahltages.
Auch wenn man in Washington dies alles als eigenen Erfolg feiert, kann ein wenig Redlichkeit nicht schaden. Die Wahlen haben zu diesem Zeitpunkt stattgefunden, weil eine große Mehrheit der Iraker sie gegen den amerikanischen Willen durchgesetzt hat. Es war Ajatollah Ali al-Sistani, der unumstrittene Führer der Schiiten, der die USA diesen Wahlkalender aufgezwungen hat, indem er Hunderttausende auf der Straße demonstrieren ließ. Er wollte schon viel früher wählen lassen. Gleichzeitig verlangte er immer den Abzug der US-Soldaten. Die Strategen aus Washington hingegen hatten Wahlen erst viel später durchführen wollen. Kurzum: Die Iraker bekommen ihr Land langsam zurück, weil sie es sich von einem unwilligen Besatzer zurückholen, nicht weil ihnen aus freien Stücken die Demokratie geschenkt wird. Washington hatte das alles so nicht geplant. Wahrscheinlich hatte die Regierung Bush vor dem März 2003 über den Feldzug gegen Saddam Hussein hinaus überhaupt nichts geplant.
Freilich, es muss auch gesagt werden, dass die Iraker ohne den kriegswilligen George W. Bush heute noch in einem Gefängnis namens Irak ein grausames Leben fristen müssten. Im Sturz Saddam Husseins fanden Iraker und Bush zusammen. Seither aber driften beide auseinander. Heute ist die Kluft unüberbrückbar.
Wie ist nun die Lage? Die Vereinigte Koalition der irakischen Schiiten hat mit 140 Sitzen die Mehrheit im Parlament gewonnen, wenn auch knapp; die Kurden sind mit 75 Sitzen zweitstärkste Partei im Land und wahrscheinlich Königsmacher; die Sunniten sind mit 5 Sitzen im Parlament bedeutungslos, weil sie sich aus Angst oder Überzeugung der Wahl enthalten haben. Am Dienstag ist der schiitische Kandidat Ibrahim Dschafari, Vorsitzender der Partei al-Dawa, zum Ministerpräsidenten gewählt worden.
Alles normal? Nein. Die Wahlen haben unter Bedingungen des Krieges stattgefunden, eines Krieges, der sich seit dem Sturz Saddam Husseins im April 2003 verschlimmert hat. Jeder einzelne Tag hat die Spaltung des Iraks vertieft. Die Iraker haben nach ethnischen und religiösen Kriterien gewählt, weil sie sich im Krieg und unter der Besatzung nur als Schiiten, Sunniten oder Kurden beschützen konnten. Gleichwohl ist die Beteiligung an den Wahlen ein Bekenntnis zum Parlament als einer der Institutionen des irakischen Staates. Der Wille, in einem Irak zusammenzubleiben, ist erkennbar. Ob das reicht, um das Land zusammenzuhalten?
- Datum 31.07.2006 - 05:33 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 24.02.2005 Nr.9
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