Das ist eine lange, sehr lange Geschichte voll Anekdoten und Skizzen. Unfälle entspringen Zufällen, aus Lieblosem erwachsen Verbrechen, auf Verunsicherung folgt Gewissheit und darauf der Sturz ins Bodenlose. Es sind zehn kurze Geschichten, jede im Schnitt zwanzig Minuten - so lange dauert es, einen Stier zur Strecke zu bringen. Zehnmal wird je ein Gebot aus Gottes Dekalog abgehakt und abgehackt: Du sollst keine anderen Götter neben mir haben, Vater und Mutter ehren, nicht töten, nicht stehlen, nicht ehebrechen.

Krzysztof Kieslowskis zehn Erzählungen, unter Titeln wie Ein kurzer Film über die Liebe, ... über das Töten im Kino sehr erfolgreich, sind von Koen Tachelet für die Münchner Kammerspiele auf einen Theaterabend zusammengerafft worden und fallen nun vom Fleisch zurück auf ihr Skelett. Die Zeit reicht nicht mehr fürs Entwickeln von Seelen, von Moralproblem und Schuld: Bündig werden uns Fakten, Namen, Schicksale vor die Stirn geplättet, und kaum hat man Fährte aufgenommen, sind Fall und Mensch schon erledigt, tot, verraten, belogen - die Frau hockt verzweifelt, die Tochter ratlos. Wir mit ihnen. Und weiter führt uns der Conferencier. Bevor man sich fragt: Wie war denn das eben Gehörte?, bröckelt einem schon die nächste Story entgegen, Fall Nummer sechs beispielsweise (auf das Sechste warten wir seit je am gierigsten). Ein 19-jähriger Postbeamter beobachtet täglich durchs Fernrohr sein Visavis, schaut einer Leichtfertigen beim kunterbunten Liebemachen zu, gesteht seine Liebe, geht auf ihr Zimmer - sitzt endlich selbst auf diesem Sofa, sie erbarmt sich seiner, führt sich ihm vor, führt seine Hand: Mach die Augen nicht zu. Du hast zarte Hände. Er fängt an zu zittern. Er sagt: Ich atme immer schneller. Ich umklammere ihre Schenkel. Sie: Er schnappt nach Luft und atmet dann laut aus. Dann setzt sie hinzu: Jetzt schon? und weiter: Und? War's gut? Das ist alles, die ganze Liebe. Geh ins Bad und wisch dich ab.

Gut erzählt, trocken, in schnellen Spielzügen. Mal Dialog, dann Erzählung, klipp, klapp im Sprung und weiter. Was im Film Seelenschach war, ist nun Räuberschach. Der junge Liebende wird heimgehen und sich die Pulsader aufschneiden - sie wird bereuen, ein Schild ins Fenster stellen: Komm zurück.

Verzeih mir. Sie wird ihn besuchen, im Krankenhaus. Und da ist auch schon die nächste Geschichte. Die Sache mit der jungen Frau, die als 16-Jährige ein Kind bekam und es ihrer Mutter übergab, es Jahre später aber wiederhaben will: Du sollst nicht stehlen, du sollst nicht begehren deines Nächsten Kind, du sollst Vater und Mutter ehren, sollst nicht lügen - es ist alles drin, und schon sind wir beim Nächsten. Ein zur Impotenz operierter Ehemann wird zwischen Toleranz und Eifersucht zerrieben ... guter Plot, nu mach'n Stück draus! Die nächste Szene.

Damit dieser rasante Durchfluss auf die Reihe zu bringen ist, hat der Bearbeiter Tachelet einen Erzähler eingeführt, wie er durch etliche Theaterstücke der fünfziger Jahre flanierte, bei Thornton Wilder und Anouilh: Das da drüben, die kleine Magere, ist Antigone, ihr Onkel Kreon kommt gerade aus dem Palast und ..., so in der Art. In Johan Simons' Inszenierung spielt meist André Jung diesen Manegenplauderer, wie nebenher serviert er die Situation, fällt den Akteuren sanft ins Wort, wundert sich auch mal über die Fakten, ganz ausgezeichnet: ein Causeur mit knarzender Schmeichelstimme. Doch können auch die andren unsere Begleiter sein, und ohnehin wechselt jeder flugs die Rolle. Wer eben das Luder war, ist beim nächsten Stück leidende Gattin, der Mörder hier ist nun Sensibelchen. Zwölf Schauspieler geben die Stafetten weiter, zwölf locker ein- und aussteigende Spieler: Stephan Bissmeier, das flackrige Nervenbündel, Nina Kunzendorf, so lasziv wie verstört, Julia Jentsch (für ihren Silbernen Bären vom Publikum bejubelt) - Wolfgang Pregler, Katharina Schubert, Paul Herwig und die andern: Solche Inszenierungen helfen zusammenzuschmieden. Vielleicht ist dies das Beste, was sich von den Zehn Geboten sagen lässt.

Bert Neumann hat im teerverpichten Bühnengroßraum eine Art Nachtasyl oder Möbellager der Caritas aufgebaut, an den Seiten stapeln sich Kredenzen und Hängeschränke, und dazwischen Stühle, Sessel vom Sperrmüll. Hinten hocken an langem Tisch all jene Spieler, die gerade nicht dran sind, die von dort dazwischengehen, locker, unaufgeregt: Wir spielen das mal durch, und jetzt mach du weiter. Dreieinhalb Stunden. Manches Mal driftet man zuschauend davon, denn immer nur hören und sich merken, was die über ihre Mikroports brabbeln, ist nicht durchzuhalten, außerdem blenden die eiskalten Pakete von sechs-, siebenhundert Neonröhren am Plafond entsetzlich. Oft, wenn sie batterienweise hier an-, dort ausflackern, ist Konzentration unmöglich vor lauter Geblitz: grell beleuchtete Dunkelheiten.

Eine Riesenarbeit, ein fantastisches Ensemble, eine anstrengende Guck- und Hörerei ohne sonderliche Erkenntnis.