Schöne Ehrenrettung für eine Dichterin, über die jeder glaubt, lachen zu dürfen, sobald nur ihr Name erklingt: Friederike Kempner (1828 bis 1904), die sich mit naivem Stolz den Beinamen gab der schlesische Schwan. Der Schwan singt heute noch, in immer neuen Auflagen, jetzt auch auf immer mehr Hörbüchern.

Natürlich kann und darf man lachen über die Formulierungskünste einer einsamen Gutsbesitzerin in Schlesien: Schön ist nur das Große, Reine, ... / Schön ist auch Vergißmeinnicht ... / Duftig nimmer ist der Mist. Doch an solchen Reimereien haben sich Deutsch-Professoren vor einem Jahrhundert auch entzückt, um andere, aufmüpfige, aufklärerische Aufschreie aus der östlichen Provinz nicht hören zu müssen. Die verwaiste, gebildete Tochter jüdischer Eltern - man kennt die kleine rundliche Person nur mit einem Buch in der Hand - ist auf ihrem Rittergut Friederikenhof bei Breslau eine späte Kämpferin für Aufklärung.

Und sie erreicht etwas. Die 22-Jährige, die schon als Kind mit der Rittergutsbesitzerin-Mutter kranke Tagelöhner-Frauen gepflegt hat, gut sozialverpflichtet dem Eigentum - Hallo, Herr Joseph Ackermann! - schickt dem preußischen König eine Denkschrift über die Notwendigkeit einer gesetzlichen Einführung von Leichenhäusern (Wartefrist zwischen Tod und Beisetzung).

Kaiser Wilhelm I. erlässt 1871 ein Gesetz, nicht ohne Friederike zu erwähnen.

Das Gleiche noch einmal: Friederikes Kampfschrift gegen Isolierhaft - Hören Sie, Mr. Bush! - Gegen die Einzelhaft oder Das Zellengefängnis, erzwingt, dass Isolierhaft abgeschafft wird.

Über diese kleine, tapfere Frau, die ihr vererbtes Gut als Verpflichtung versteht, machen wir uns, seit einem Jahrhundert, lustig als ein schlesisches Doofi der unfreiwilligen Komik. Dabei ist sie, was sie Heinrich Heine zuerkennt, ein großes Herz voll Saiten. Katharina Thalbach gelingt es, ganz ohne Zwinkern in der Stimme, nur durch schön harte Diktion, dieser Dichterin, endlich, zu ihrem Recht zu verhelfen, für das schon Friederike Kempner die Formel fand Ein flüsterndes Gestöhne.

Friederike Kempner: Ihr wißt wohl, wen ich meine